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D. Zum Weg Europas in der Neuzeit |
"Die Schweiz in der UNO" |
F. Europa zwischen Vergangenheit und Zukunft |
E. Der Weg Europas aus der Vogelschau1. Sakrale KosmosordnungDie Welt stand in himmlisch-irdischer Einheit. Götter lenkten das Zusammenleben der Menschen durch ihre inspirative Führung des Königs, der alle Funktionen innehatte: er war in einem Priester, Heerführer, Richter und Wirtschafter. Alle Menschen erfuhren eine Aussenlenkung seitens der Gottheiten, Priesterkönige und Traditionen. "Alles ist voll von Göttern" und von den Wirkungen ihrer Kraft: Hochkultur Kreta. 2. Die PolisDie grossen Götter wandeln sich, führen den Menschen zur Selbständigkeit und ziehen sich von ihm zurück: der "fernhintreffende" Apollon leitet an zum eigenständigen Denken; die "augenleuchtende" Athene verhilft den Menschen zum klugen und massvollen Handeln. Im Entwicklungsgang der Philosophie entdeckt sich der Mensch als Mass aller Dinge. Das Begriffsdenken trennt ihn von der Welt im Unterscheiden von Subjekt und Objekt und der Mannigfaltigkeit der Dinge. Und die griechischen Stadtstaaten überwinden ihr altes sakrales Königtum, indem ihre Bürger die Führung der öffentlichen Belange in die eigenen Hände nehmen. Jede pólis überlässt ihren Tochterstädten die volle Selbstverwaltung. Athena Promachos ist ihr Vorbild. 3. Das Imperium RomanumDie Führung der altrömischen Gottheiten zielte auf eine irdisch-menschliche Kultur: auf Säkularisierung als Lebenssaat im Irdisch-Zeitlichen! Der erdenschwere Ernst der Römer wurde von den Etruskern zum Problem von Grenzziehung und Zurechnung hingeleitet. Was in Griechenland der Mysterienschulen und der Philosophie noch im Bereich des Geistes durchlebt worden war, trat im Römertum als hautnahe Lebenspraxis auf: das fundamentale Verhältnis zwischen dem einzelnen und dem Ganzen. Die Wertschätzung irdischer Befugnisse führte zum römischen Eigentumsbegriff und liess im Bürger das Bewusstsein eines Rechtssubjektes erwachen und ausbilden. Im Begriff der civitas als Verwaltungsbezirk verschwand die frühere Einheit des pólis-Begriffes. Der göttlich geleitete Stadtstaat Rom erkämpfte sich seinen Standort in der Welt und formierte ein Weltreich mit einem differenzierten System von Abhängigkeiten seiner Satelliten, geregelt in individuellen Bündnisverträgen. Der innere Aufbau des Staates als Verwaltungsorgan ohne Beamtenschaft beruhte auf einem komplizierten Ineinanderspiel der Instanzen und ihrer Kompetenzen; eine ungeschriebene Verfassung, "aus Widersprüchen zusammengesetzt", bewährte sich als wirksamste aller Verfassungen in der Welt! "Rom" wurde zum Hoffnungsträger in der Mittelmeerwelt. Aber die Vielfalt der Völker im Reich, ihrer Kulturen, Religionen, Rechtssitten und Mentalitäten bewirkten eine vordem nie erlebte und bedrängende Unübersichtlichkeit im Zusammenleben der Menschen und liess den Einzelnen bindungslos werden: die erste Multi-Kulti-Zivilisation der Welt. Plinius urteilte um die Zeitwende: "Die Weite der Welt und die Verbreiterung aller Verhältnisse ist nachteilig geworden!" Die Geschichte bestätigte sein Urteil. Die Überdehnung des Territoriums wurde zum Krisenfaktor im Reich: die gesellschaftlichen Kräfte waren in verschiedener Hinsicht hoffnungslos überfordert. Mangels einer entwickelten Verwaltungsorganisation und weil man den Wert der Privatinitiative erkannte, übertrug der Staat seiner Nobilität die Ausführung öffentlicher Aufgaben: die publicani wurden mit Lohndrückerei und Erpressung immer reicher, und die römische Herrschaft machte sich verhasst. Augustus erkannte die Lage und befleissigte sich erfolgreich, im weiten Land Ordnung und Vertrauen zu schaffen und sozialen Frieden zu ermöglichen. Aber die Zentralisierung und seine "einspringende Fürsorge" machten die Menschen vom Staat abhängig; Freiheitskräfte wurden geschwächt und damit die lokale Selbstverwaltung. Die Interventionspolitik des Zentrums und die Praxis des Patroziniums waren zugleich Grund und Folge des Verschwindens früherer Eigenverantwortung für die öffentlichen Zustände. Das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen war heillos zerrüttet. Die antike Welt brauchte einen neuen Impuls. Er kam aus dem Geist. 4. Das ChristentumEine neue Weltzeit wurde in Jesus Christus begründet. Zukunft erhielt eine Bedeutung für das Leben in der Gegenwart. An den Menschen ergeht der Auftrag zu werden, der er ist: nämlich "Gotteskind". Gott ist Geist, und der Mensch soll nach Geist streben, mit dem Beistand des Heiligen Geistes! Der frei gewählte Weg in die Nachfolge Jesu Christi führt in die Vollkommenheit des wahren Lebens und zum gottgewollten Ziel. Das Menschenbild hat damit einen grundlegenden Wandel erfahren, und der Mensch eine neue Orientierung. Eine Umpolung im Menschenwesen ist verlangt und zugleich als bewusstes Ziel gesetzt: zu erlernen ist das richtige Unterscheiden und Verbinden, - das Unterscheiden des Äussern vom Inneren, von Gott und Cäsar, von Natur und Geist, von Gesetz und Glauben. Darin liegt die Voraussetzung, dass der verheissene "neue Bund" zum Quell der Zukunft werde. Lernen muss der Mensch, aus Gottverbundenheit zu handeln und aus Gottes Gnaden autonom, d.h. "vollkommen" zu leben. Dieser Auftrag gilt für alle Menschen: alle sind sie gleich vor Gott! Aber untereinander sind sie verschieden begabt und berufen; sie sollen sich deshalb bewusst und willentlich ergänzen. Jedem ist aufgetragen, das Seine in die Gemeinschaft einzubringen, weil mit seinem Tun das Wirken des Geistes offenbar werden kann. Die Gemeinschaft lebt und wirkt im Verhältnis von Leib und Glieder. Alle Teile und das Ganze sind hingeordnet in innerer Entsprechung zum göttlichen Willen. Der "Turmbau zu Babel" findet seine Ergänzung und Vollendung im Pfingstgeschehen, in der Einheit des Sinnes und der Sammlung. Der Erziehungsanspruch Jesu richtete sich an die gegebene Welt und ihre individuell werdenden Menschen. Da war aber verwirrliche Vielfalt, sodass die entstehende Kirche sich der Strukturen des römischen Staates bediente, um ihre z.T. auch staatlichen Aufgaben zu erfüllen: Hierarchie und Gehorsam schienen ihr Einheit des Geschehens zu ermöglichen. Als Stellvertreterin Christi fühlte sie sich berufen, das "Reich Gottes" auf Erden herbei zu führen; der Bischof beanspruchte das Recht zu entscheiden, was Wahrheit war und was nicht. Aber die Einheitlichkeit straffer Führung erfüllte die Erwartungen nicht: neue Divergenzen, Gegnerschaften, Feindschaften und Spaltungen entstanden gerade dadurch und riefen nach verstärkten Zwangsmitteln. Die Kirche verstrickte sich auch in den weltlichen Bereichen von Wirtschaft und Staat und verlor die klare Sicht auf ihre Mission. Daraus erwuchs ihr der permanente Widerstand während Jahrhunderten. 5. Der StaatDie Wertschätzung des Imperium Romanum weit über dessen Verfall hinaus führte zum Versuch, ein Reich auf christlicher Grundlage zu begründen: Das "Heilige Römische Reich", eine wegleitende Idee, die die Einheit der christlichen Völker hätte herbeiführen sollen. Aber überall verfolgten partikulare Kräfte ihre eigenen Ziele. Karl der Grosse musste mit Zwang versuchen, das Volk seinen Zielen dienstbar zu machen; darum verbot er die Schwurgenossenschaften, und seine Nachfolger taten es ihm gleich. Die Idee des "Reiches" verlor immer mehr ihre Bindungskraft. Nationale Ziele wurden massgebend. Das Denken der Herrscher war territorial - irdisch geworden. So erfuhr Europa die lang dauernde Metamorphose des "Reiches" in ein "Reich des Menschen". Das Denken wandelte sich und gleichzeitig die äusseren Bestimmungsgrössen: beides brachte sich steigernde Fülle neuer Aufgaben, die nur in Gemeinschaft von grösseren Gruppen bewältigt werden konnten und planmässiges Handeln nötig machten. Die bisherige organisch-verteilte Entscheidungskompetenz im "Reich" musste in eine gewillkürte Handlungsvollmacht umgewandelt werden: ein "Reich des Menschen" sollte entstehen. In diesem langwierigen Prozess von Individualisierung und Säkularisierung als Lebenssaat im Irdisch-Zeitlichen veränderte sich die Stellung des Herrschers: ursprünglich wirkte er als Stellvertreter Gottes, dann war er Gesetzgeber über dem Gesetz stehend, dann selber auch dem Gesetz unterstellt, später kam die Trennung von Herrscher und Staat, dann folgte die Ausgliederung und Verteilung wichtiger Regierungsfunktionen auf weitere Kreise und schliesslich die sog. "Demokratie". Waren die neuen Territorialstaaten im Hochmittelalter als Werkzeug des Herrscherwillens konstruiert, so gerieten die Herrscher im weiteren Verlauf durch den dauernden Druck aus dem Volke in Zugzwang; der Staat musste sich neuen Rahmenbedingungen anpassen und Kompetenzen abgeben, hielt sich aber auch als "Diener des Volkes" immer oben, indem er neue Aufgaben an sich zog und Betreuung und Schutz versprach. So blieb das Volk letztlich immer abhängig; denn die wichtigen Entscheide fielen "oben". Jede Reform begünstigte die Zentralisierung und die Einbindung der Menschen in die wachsende Staatsorganisation, die alle gesellschaftlichen Bereiche und Kräfte an sich zog. Denn immer wieder wurde den Menschen ein "Reich der Ruhe und des Glückes" versprochen. Der Sozialismus erwies sich als Steigbügelhalter für den "Grossen Bruder". Man schwärmte von der "Neuen schönen Welt". 6. Der europäische MenschDas Christentum brachte eine neue Sicht auf den Menschen und seine Bestimmung: sie liegt in der Arbeit an sich selber und an der Welt! Damit ein "Reich des Menschen" entstehen kann, müssen die Menschen zusammenarbeiten. Teilhabe eines jeden fördert ihn selber und damit die Gemeinschaft. Die beiden europäischen Grundtendenzen der Individualisierung und Säkularisierung zeigen sich in den Forderungen nach Selbstverwaltung im eigenen Lebenskreis. Der Antagonismus zwischen "oben" und "unten" verstärkte sich zum europäischen Bürgerkrieg. In den Völkern entstanden Bünde zwecks gegenseitigem Beistand, aber in der Regel nur zu wirtschaftlichen Zwecken und nur auf Zeit geschlossen. Oft erzielte man einen gewissen Erfolg, aber nie und nirgends auf Dauer; denn den Herrschern passte das überhaupt nicht, sie schlossen sich zusammen, um gemeinsam unliebsame Entwicklungen abzuwürgen. Auch diese Gegenspieler erzielten fast immer einen Erfolg, aber ebenfalls immer nur sachlich und zeitlich beschränkt. Die sich steigende Spannung zwischen beiden Potenzen blieb ein Dauermotiv europäischer Existenz. Im krisengeschüttelten 20. Jahrhundert wird erstmals in der Weltgeschichte "Herrschaft" grundsätzlich abgelehnt. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948 stellte die Würde des einzelnen Menschen in den Mittelpunkt des Rechtslebens. Die Menschenrechte sind dem einzelnen nicht vom Staat verliehen; sie kommen ihm zu, weil er ein Mensch ist, und sie sind darum unantastbar. Ihre weltweite Anerkennung steht noch in den ersten Anfängen. Die 1998 beschlossene Einsetzung eines internationalen Strafgerichtshofes der UNO wird die Umsetzung der Menschenrechte fördern, aber der Inhalt der Menschenwürde umfasst viel mehr. Angesichts der Gefahr, dass sich das "Reich des Menschen" als "Reich der Maschine" fortentwickelt, muss eine umfassende Auseinandersetzung mit sozialdarwinistischen Auffassungen geleistet werden und alle Lebensbereiche sind vom Bewusstsein menschlichen Wesens zu erneuern. Und dabei wird man sich klar werden müssen, dass Menschenrechte notwendig der Ergänzung durch Menschenpflichten bedürfen. |
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