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C. Weg der Schweiz |
"Die Schweiz in der UNO" |
E. Der Weg Europas aus der Vogelschau |
D. Zum Weg Europas in der Neuzeit1. Der MenschUnentwegt geht er seinen Weg, impulsiert von den Zielpunkten der Individualität und der Säkularität. Als Prozess bedingen sich beide gegenseitig, wirken miteinander und gegeneinander: die Individualisierung bildet den Innenraum der Persönlichkeit, und die Säkularisierung wirkt als Lebenssaat im Irdisch-Zeitlichen. Im Denken wird sich der Mensch seines Ich bewusst; es gewinnt den Vorrang vor Tradition und Autoritäten, "Denken ist Sein", cogito ergo sum. Im Wahrnehmen wird sich der Mensch seiner Welt bewusst; er begegnet der Erde und ist ganz an die Gegenwart gebunden, wird terrestrisch und nimmt von der Erde Besitz. Raumbewusstsein entsteht und mit ihm Sehen und Messen und das Erleben von Grenzen. Im Willen, der ganz in der Zukunft lebt und Zukunft bereitet, in ihm wirken beide Prozesse in die Welt hinein. Die Seelenkräfte des Menschen entfalten sich und bestimmen den Weg Europas. In den grossen Bewegungen von Humanismus, Renaissance und Reformation, im Barock und in der Aufklärung kommt der Mensch zu sich selber. Ein Europa des Denkens entsteht und damit eine Kultur für alle Menschen, die daran teilnehmen; eine kulturelle Einheit baut sich auf, die Renaissance führt zur "Entdeckung der Welt und des Menschen", die Epoche der Entdeckungen, der Naturwissenschaften und der Technik dient der Weltbemächtigung. Dabei zeigt sich, dass Welterfahrung und Selbstfindung zusammengehören. Auf dem Weg zur Innensteuerung des Menschen nötigten Kirche und Staat den Einzelnen, Selbstkontrolle zu üben und sich an ein äusserliches Normensystem anzupassen, um es zu "verinnerlichen". Soziale Kontrollsysteme förderten Zucht und Ordnung und damit indirekt die Individualität. Denken und Sein in Einklang zu bringen, musste der Mensch erst lernen: am Gegensatz von Innen und Aussen zeigte sich die Notwendigkeit von Selbstdenken, Selbstbildung und Selbstverwirklichung. "Des Menschen grösstes Verdienst bleibt wohl, wenn er die Umstände soviel als möglich bestimmt und sich sowenig wie möglich von ihnen bestimmen lässt .... Alles ausser mir ist nur Element ...., aber tief in uns liegt diese schöpferische Kraft, die das zu erschaffen vermag, was sein soll". (Goethe). Auf die Betätigung der schöpferischen Kraft kam alles an: "mich selbst ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch"; denn das Menschen-Ich ist nicht einfach gegeben, es muss bewusst genährt werden und wird immer mehr zum Produkt eigener Erziehung in der Schule des Denkens. "Du selbst bist .... dein Schöpfer selbst und dein Geschöpf" (Herder). Im 18. Jahrhundert stellte sich der Gedanke der Erziehung zur Individualität in den Raum Europas: die Entelechie entwickelt sich durch Selbsterziehung und durch soziale "Erziehung" dank dem Leben im Irdisch-Zeitlichen. Die "Arbeit" verliert ihren Charakter als Fluch Gottes und wird zum Mittel, die Welt zum Nutzen aller zu gestalten. So strebte ein Theologe 1841 danach, "die Menschen aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, .... zu freien, selbstbewussten Bürgern der Erde zu machen" (Ludwig Feuerbach). Darin lag er in der Linie einer Reihe von Petitionen und Deklarationen (1628, 1679, 1689, 1776, 1789): der Mensch strebte, bewusster in der sozialen Ordnung zu leben und die Gesellschaft so zu gestalten, damit das sich entfaltende Individuum zu seinem Recht käme. Das Ich-Gefühl strebt zur Erde, in die Welt, nach "Brot". Das Menschenbild verengt sich auf "Leben", auf das irdische Leben, das wert ist, um seiner selbst willen gelebt zu werden. Die "Aufklärung" erfasst den Menschen im Irdischen; der Leib wird als Körper begriffen, die Natur als gut geölte Maschine. Auf diesem Weg wird Nominalismus zum Positivismus, zum Agnostizismus und letztlich dann zum Nihilismus: da wird Wahrheitserkenntnis vom Utilitarismus verdrängt. Die "Umwelt" als faktische Wirklichkeit wird zum "Milieu", das das Leben des Menschen prägt. Die Biologisierung des Weltbildes und des Menschen zeigt sich in der Psychoanalyse, andererseits auch im Nationalismus und im Rassismus. Der Begriff des "unwerten Lebens" und die Praxis der Euthanasie undZwangssterilisierung in totalitären und anderen Staaten stammen aus dieser Strömung. Die moderne Gesellschaft existiert in "Seelenleere" mit einem ungeistigen Menschenbild. Sinn-Verlust, Isolation und Lebensangst sind die Folgen, an denen der Mensch erwachen sollte. 2. Der Staata) Seine EntwicklungNoch im Hochmittelalter hatte der Herrscher seinen Auftrag von Gott erhalten; damit war seine Herrschaft voll legitimiert. Im 13. Jahrhundert begann "der Abstieg der himmlischen Werte auf die Erde", um auf Erden wirksam zu werden in der gewillkürten Tätigkeit des Menschen: so ereignete sich Säkularisation als Lebenssaat im Irdisch- Zeitlichen. Der Staat nahm das Sakrale an sich, auch dann noch, als er genötigt war, sich der Herrschaft des Gesetzes zu unterstellen und seine Legitimation aus ihr herzuleiten. Im Laufe der Neuzeit fühlte er sich von seinem Zweck her legitimiert; aber noch lange kam seinem Wirken aus dem Goldgrund des Sakralen eine erhobene Bedeutung zu, über das Normalmass des Menschlichen hinaus. Noch heute scheint er Vielen eine höhere Kompetenz innezuhaben, eine bessere Welt herbeiführen zu können b) Seine ZieleDer Zweck des Staates folgte dem Wandel in der Gesellschaft: vom Herrschernutzen zum Gemeinen Nutzen und dann zum "Glück" der Menschen. Von seinem Wirken erhoffte man sich ein "Reich der Ruhe und des Glückes"; so versprach er denn immer wieder Sicherheit und Wohlstand. Im "Daseinsfürsorgeapparat" ereignet sich Säkularisation, auch heute noch. Vom 15./16. Jahrhundert an nehmen die Aufgaben des Staates deutlich zu; sie werden zum Steigbügel der Macht! Sachen werden wichtiger als Menschen, Massen von Menschen wichtiger als Individuen, äusserer Wert wichtiger als Gehalt. Gemeinwohl wird zum Staatswohl. "Realpolitik" orientiert sich am Nutzen für den Staat, statt an Werten. Dadurch wird die Staatsraison zum neuen Leviathan. Daran krankt die Staatswelt noch heute: der allmächtige Staat als "sterblicher Gott" in einer entgötterten Welt. c) Seine MittelDie Struktur des "modernen" Staates zeigte sich bereits im Hochmittelalter, bei Friedrich II und Philipp IV.: von Herrscherpersönlichkeiten wurde er konstruiert als Apparat zur Durchsetzung des fürstlichen Willens. Im 17. Jahrhundert schilderte Campanella in seinem "Sonnenstaat" dieses Staatswesen als Maschine zur zwangsweiser Herbeiführung der allgemeinen Wohlfahrt, nachdem vorher die Jesuiten in Paraguay dasselbe realisiert hatten. All' dem war das Eine gemeinsam: gemäss der vorgefassten Idee einer Zentrale wurde ein System sachlicher Ordnung errichtet, wurden Menschen organisiert und zum Objekt eines Willens gemacht. Herrschaft will und braucht ihr Monopol. Denn Sachaufgaben erfordern Einheit der Anforderung und der Durchführung. Um seiner Devise leben zu können, zweckmässig, effizient, rasch und kontrollierbar zu arbeiten, braucht der Staat Einheitlichkeit: eine Herde, ein Hirt – und Disziplin der Bürger! Der aufgeklärte Wohlfahrts- und Fürsorgestaat wirkte alles für das Volk, nichts durch das Volk. Georg Friedrich Lamprecht betonte 1784 als ersten Grundsatz im Regierungsgeschäft die Beförderung der Glückseligkeit der Bürger – und entwickelte das Modell eines allgegenwärtigen Polizeistaates, der den Bürger notfalls mit Gewalt zu seinem Glück zwingt. Rousseau schrieb: "Man muss den Einzelnen zwingen, seinen Willen in Einklang mit der Staatsvernunft zu bringen, und muss das Volk lehren, was es will". Ähnliches hörte man auch bei Pestalozzi: Die Französische Revolution war einst ausgezogen, um die Menschheit mit Freiheit zu beglücken. Aber dann wurde der Konvent König und unternahm nach Billauds Antrag das französische Volk "umzuschaffen". Auch Napoleon hatte schon nach der Errichtung des Konsulats seine Absicht erklärt, "den öffentlichen Geist zu schaffen". Solches Einheitsdenken und Einheitlichkeitsstreben konnte nichts anfangen mit Minderheiten: ein Gesetz vom 17.6.1791 bestimmt im Art. 1: "Die Vernichtung aller Arten von Korporationen unter Bürgern von gleichem Stand und Beruf macht eine der Grundlagen der französischen Verfassung aus. Deshalb ist ihre Wiederherstellung verboten". Dieses Koalitionsedikt wurde auch durch den "Code Napoleon" aufrechterhalten. Das alles lag im Geist der Zeit, sodass Justus Möser schon 1785 gewarnt hatte: "In der That aber entfernen wir uns von dem wahren Plan der Natur, die ihren Reichtum in der Mannigfaltigkeit zeigt, und bahnen den Weg zum Despotismus, der alles nach wenig Regeln zwingen will, und darüber den Reichtum der Mannigfaltigkeit verlieret". Er wandte sich so gegen absolutistische Obrigkeit, die aufklärerische Maximen in Herrschaftstechnik verwandelte, um die gewachsene ständische Ordnung einzuebnen, Die französischen Revolutionäre wandten dieselben Mittel einfach noch radikaler an. Ihnen waren die Minderheiten verdächtig: Regionen, Stände, Korporationen, Genossenschaften! Man war ihnen spinnefeind. So stellte die "Revolution" und auch Napoleon den Staat her, den der Absolutismus angestrebt, aber nicht verwirklicht hatte (A. de Tocqueville). Trotz allem Neuen, der Staat war derselbe geblieben: ein Obrigkeitsstaat repräsentiert das Wohl des Ganzen, - so wie er es auffasst. Vielfalt stört zielbewusstes Handeln! Der Mensch muss höheren Zwecken angepasst werden; tut er es nicht freiwillig, so schafft man ihn um, manipuliert und konditioniert ihn - oder man schafft ihn weg. Ethnische Säuberungen zwecks "innerer Reinigung" sind auch heute die Folge von Totalitarismus verschiedener Farben: "Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich dir den Schädel ein!" - gewiss nur zu dessen Besten. d) Seine WirkungenDie vorherrschende Gesinnung in diesem Staatswesen übt tiefgreifende Wirkungen auf alle Beteiligten aus. Die Regierung hält sich für alle öffentlichen Belange zuständig, begeht Grenzüberschreitungen in bezug auf ihre eigentliche Aufgabe und ist demnach in Versuchung, den erreichten Standard der Gewaltenteilung zu unterlaufen. Der Trend läuft langfristig zum Exekutiv- oder Marionettenstaat, in dem angepasste Funktionäre und Manager das Sagen haben und Korruption bestens gedeiht. Der Mensch andererseits "wird um der Sachen, seine Kräfte um der Resultate willen vernachlässigt". Seit Jahrhunderten wurde ihm höchstens "beschränkter Untertanen verstand" zugebilligt, dem es nicht zukam, "die Handlungen des Staatsoberhauptes an den Massstab seiner beschränkter Einsicht anzulegen" (Gustav Adolf Rochus von Rochow am 15.1.1838). In diesem Rahmen wurde der Mensch geschwächt, wurde passiv, entmündigt und bevormundet. Er wurde zum Objekt: als "Maultier" (Richelieu), als Kanonenfutter, Melkkuh, Miesmacher, Störefried; als verwalteter Mensch ist er auch heute noch nicht Partner, der Verantwortung tragen will und kann. Der Versorgungsstaat fördert das Anspruchsdenken in einer Konsumgesellschaft. Dominierende Leitidee in allen Gesellschaftsschichten scheint zu sein: ein "Haufe zufriedener, weil wohlgenährter Sklaven". Man erliegt immer wieder den Versuchungen von "Brot" und "Macht". Der Aberglaube an Institutionen baut unermüdlich am "Babylonischen Turm". Aber der Staat scheitert an seinen Zielen sowie am Fehlen einer mittragenden Gesellschaft. Zur Lösung wirklicher Probleme wird er immer weniger fähig. Staat und Mensch degenerieren beide! 3. Die Struktur der GemeinschaftDas Leben in Europa entfaltet sich im Teilen und Verbinden. Im Teilen vergrössert sich die Vielfalt der gegebenen Welt, und im Verbinden bestimmt der Mensch seinen Standort. Beides bedingt sich gegenseitig: "Musst unterscheiden und verbinden, dich im Unendlichen zu finden" (Goethe). Das Streben nach Freiheit und Selbstverantwortung setzte Städte im 10. – 12. Jahrhundert in Gegensatz zum Stadtherrn und im 13. – 14. Jahrhundert in Opposition zu Fürsten und zum niederen Adel. Zur Wahrung ihrer Wirtschafts-Interessen schlossen sich Bürgerschaften zu ständischen Schwurverbänden und später zu territorialen Bündnissen zusammen. Der Erfolg war jeweils von kurzer Dauer; denn Interessenpolitik verändert sich mit dem Wechsel der Interessenlage, hat darum keine tragfähige Grundlage. Bestand kann nur haben, was im zeitüberdauernden Geistigen gründet! Die Vielfalt zu überwinden und Europa zu einigen, versuchten immer wieder kraftvolle Herrschernaturen, - auf je verschiedene Weise. Karl der Grosse und die Ottonen erstrebten die Wiederherstellung des Römischen Reiches auf christlichem Boden: sie konnten sich die Organisation der christlichen Welt nur vorstellen in der Form einer Renovatio imperii Romani, das "Reich" als übernationale Universalität mit göttlicher Autorität. Im Wirken von Philipp dem Schönen und seiner Berater kündete sich eine neue Zeit an, indem er den territorialen, zentralistischen Machtstaat erbaute. Und er schlug vor, einen Friedensbund zu gründen und einen ständigen internationalen europäischen Schiedsgerichtshof einzusetzen, der über Friedensbrecher Sanktionen verhängen dürfte. Mit diesem Projekt wandte er sich an den Papst und die europäischen Fürsten. So stand es im ersten Teil des Traktates zu lesen, der allen Adressaten zugestellt wurde. Im zweiten Teil wurde das Ziel einer französischen Weltherrschaft aufgestellt, und dieser Teil war exklusiv nur für Philipp bestimmt, - eine recht "moderne" Taktik. Maximilian I. gedachte, das Reich zu einigen und griff zum Mittel einer Reichsreform, zur Aufrichtung des "Ewigen Landfriedens", damit es eine Rechtsgemeinschaft würde, zur Erneuerung oder gar Wiedervereinigung von Reich und Kirche, zur Einsetzung des Reichskammergerichtes. Um Frankreichs Machtplänen zu begegnen, wollte er sich selber 1511 zum Papst wählen lassen und redete von Kanonisation. Als kultisches Sinnbild seines Lebens hatte er sich schon in seiner Jugend den Granatapfel erwählt, das alte Symbol kosmischer Herrschergewalt auf Erden. Aber statt, wie geplant, die ungläubigen Erzfeinde der Christenheit, die Türken, zu bekämpfen, zog er mit allen verfügbaren Mitteln gegen die widerstrebenden Eidgenossen ins Feld. Im Ganzen blieb die Reichsreform ein Fehlschlag. Die Französische Revolution zog aus, um die Völker Europas zu befreien und zu einigen. Ihre Gesinnungsart bereitete den Weg für Napoleon: auch er folgte seinem Plan einer europäischen Ordnung – unter französischer Hegemonie natürlich. Daraus folgte genau das, was er zu verhindern vorgegeben hatte: ein erbärmlicher Kontinent, der tief im Elend steckte. Die "Heilige Allianz" mit Zar Alexander und Metternich versuchte, die Völker Europas zu vereinen und zu befreien, schuf dabei aber neue Grenzen und zahlreiche spätere Konflikte. Im Vertragstext strich Metternich das Wort von den "souveränen Völkern" und ersetzte es durch die Formel "Souveränität der Regierungen". Seine Ordnung erschien in den "Karlsbader Beschlüssen" als "Ordnung", Zensur, Stabilität, als Ruhe anstelle der Freiheit, die Ruhe des Status quo. "Der Kongress tanzt, - aber er kommt nicht vom Fleck!" Ein Fiasko. Hitler sprach immer wieder von einem "neuen Europa"; mit staatlich-militärischen Mitteln wollte er es vereinigen: er bescherte dem Kontinent und der Welt den schrecklichsten aller europäischen Einigungsversuche. - Eine Gesundung der jämmerlichen Zustände erwartete Churchill vom Paneuropagedanken: in seiner Zürcher Rede weckte er Begeisterung für die Einheit von Europa, für das "Vereinigte Europa", präzisierte aber am 15. Mai 1947 in seiner Rede in der Albert Hall in London, dass das Endziel die "Schaffung einer autoritativen, allmächtigen Weltordnung" sei, "eine wirksame Welt-Superregierung" müsse "errichtet und rasch handlungsfähig werden", andernfalls blieben "die Aussichten auf Frieden und menschlichen Fortschritt düster und zweifelhaft". Die Errichtung einer Weltzentralregierung unter der Regie der englisch-sprechenden Völkerschaften verrät antiken Geist des alten Rom; darum konnte Churchill betonen: "wir hoffen, wieder ein Europa zu bekommen, ..., in dem die Menschen mit gleichem Stolz sagen werden: `Ich bin ein Europäer`, wie sie einst sagten: `Civis Romanus sum`". So verschieden all‘ diese und andere Einigungsprojekte auch waren, in der Grundhaltung waren sie gleich: zum Wohle aller Menschen sollte die gesellschaftliche Mannigfaltigkeit eingeebnet werden, damit herrschaftlicher Wille sich durchsetzen und realisieren könne. Aberglaube an funktionierende Apparate stellte Organisation von Institutionen und Steuerung von "oben" in den Mittelpunkt. Ziele wurden dekretiert, nicht diskutiert. Fremd blieb der Gedanke, dass die Bedürfnisse der Völker von den Untertanen richtiger erkannt würden, wenn ihnen Gelegenheit gegeben wäre, selber zu denken und verantwortlich zu handeln. Alle grossmächtigen Einheitsbestrebungen vom 8. / 9. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert zeitigten immer dasselbe Ergebnis: Gleichsetzung führt Europa zu Spaltung und Ausgrenzung. 4. Die Botschaft vom Menschenrechta) Frankreich vor der RevolutionDie kontinuierliche Ausbildung eines Zentralstaates seit dem 13. Jahrhundert erreichte in Ludwig XIV., dem wahnhaften "Sonnenkönig", einen markanten Höhepunkt, - auch in der Staatsverschuldung. Er hatte den Adel entmachtet und an den Hof gezogen, wo dieser im Glanz des Königs unterwürfig lebte und dabei vergass, was einmal Aufgabe der Aristokratie gewesen war. Die Feudalherren lebten von den wirtschaftlichen Leistungen ihrer Bauern; sie kannten keine Pflichten gegenüber ihren Untertanen mehr. So wurde "der Hof" zum verhassten Sinnbild ungerechter Herrschaft. Ludwig XV, setzte die Politik seines Vorgängers fort und verschlimmerte damit den inneren Zustand des Landes. Die ständig zunehmende Opposition gegen den absoluten Staat suchte er mit seinen "Lettres de cachet" zu unterdrücken, natürlich ohne Erfolg, blieben doch die Ursachen des Widerstandes weiter bestehen. Der grösste Teil der Bauernschaft war unfrei geworden, völlig verarmt und unter dem Druck der Abgaben und der Heranziehung der Bauernsöhne zum Kriegsdienst. Seit etwa 1750 verbreiterte sich die Kluft zwischen den Kleinbauern und den oft ortsfremden Pächtern des Grossgrundbesitzes. Das alte Treue- und Schutzverhältnis zwischen Herr und Bauer löste sich zunehmend auf: die Macht der Herren war bedrückend, die Not der Untertanen unbeschreiblich. Andererseits war durch den "Merkantilismus" der Regierungen des 17. und 18. Jahrhunderts das städtische Bürgertum reich geworden; insbesondere in Paris war eine neue bürgerliche Kaste entstanden, der Typ des "citoyen" bildete sich heraus. Da das Bürgertum aber politisch machtlos blieb, entstand in Paris immer stärker eine Opposition gegen die feudale Gesellschaftsordnung und gegen den absolutistisch regierten Staat. Dieser suchte mit allen Mitteln, den traditionellen Ständestaat beizubehalten und seine Ungleichheit der Stände. Zugleich aber förderte er die wohlhabende Bourgeoisie, weil nur sie ihm die dringend benötigten Steuern garantieren konnte. Ahnungslos hat das Königtum selbst die Revolution vorbereitet! Geistig lebte es noch immer in der Welt des Gottesgnadentums, rückwärts gewandt und darum unfähig, die Zeichen der Zeit zu erkennen. b. Die Grosse RevolutionEuropa war vor die Aufgabe gestellt, das "Heilige Römische Reich" in ein "Reich des Menschen" zu überführen. Nachdem Renaissance und Reformation einen energischen Schritt zur Emanzipation der Persönlichkeit getan hatten, erfolgte in den nächsten Jahrhunderten der markante Ausgriff in die Aussenwelt: das Interesse der Menschen wandte sich in Naturwissenschaft und Wirtschaft der Erde zu; da waren Rationalität, planmässiges Handeln und Straffung der gesellschaftlichen Kräfte erforderlich. Dynastisches Streben machte sich die überhandnehmende Übereinstimmung von Staat und Nation zunutze, baute den Staatsapparat immer mehr aus und lebte im Anspruch, "aus Gottes Gnaden" legitimiert zu sein. Solcher Absolutismus war unfähig, den Bedürfnissen der Völker zu entsprechen, die nach Partizipation verlangten. Das Staatswesen war den wirtschaftlichen Veränderungen nicht gefolgt; das Bürgertum war wirtschaftlich erstarkt, politisch jedoch machtlos. Und die "Aufklärung" wirkte mit an der "weitergehenden Emanzipation der Persönlichkeit" hin zur Freiheit des Menschen als dem fundamentalen Menschenrecht. In der Schweiz unterblieben seit dem Anfang des 17. Jahrhundert die traditionellen "Volksanfragen", und in Frankreich wurden die seit 1355 begründeten "Etats généraux" von 1614 – 1789 nicht mehr einberufen. Erst der gebürtige Schweizer setzte sich, als Finanzminister, 1788 für ihre Wiedereinsetzung ein: Jacques Necker, Protestant im katholischen Frankreich, - er hoffte, den Dritten Stand so zu stärken, dass das wohlhabende Bürgertum zu einem Bündnis mit der Krone bereit war, für den König und gegen den Adel. Dem König riet er, nicht gegen, sondern mit den Steuerzahlern die Finanznot zu bewältigen. So wurden die Generalstände wieder einberufen und dem Bürgertum die doppelte Anzahl Abgeordnete zugebilligt, aber der eigentliche Zweck wurde nicht erreicht, weil man immer noch korporativ nach Ständen abstimmte und Adel und Geistlichkeit den Dritten Stand überstimmen konnten. Andererseits hätte aber eine Einführung des Mehrheitsprinzips den althergebrachten französischen Ständestaat aus den Angeln gehoben. Am 5. Mai 1789 traten dann die Etats généraux in Versailles zusammen. In seiner Ansprache zeigte der König, dass das alte Frankreich den Ernst der Lage nicht im entferntesten erkannt hatte: er tadelte alle Forderungen nach Reformen, wies auf das Gottesgnadentum des Herrschers hin und wandte sich gegen den Geist des Ungehorsams. Nach sechs Wochen ergebnisloser, nach Ständen getrennter Verhandlungen, formulierte der Graf von Sieyès eine Erklärung zugunsten des Dritten Standes, die gedanklich auf seiner früheren Schrift "was ist der Dritte Stand" beruhte; dort hatte er selber seine Frage beantwortet: "was ist der Dritte Stand? Alles! – Was bedeutet er im Staate? Nichts! – Was will er? Dass er etwas bedeutet!" So war der Führungsanspruch des Dritten Standes dokumentiert. Das Grollen der Revolution war unüberhörbar geworden. Die Regierung wollte aber nichts hören und liess das Versammlungsgebäude des Dritten Standes von Militär umstellen und die Türen verschliessen. Die Abgeordneten trafen sich deshalb im "Ballhaus" und legten den berühmten "Ballhausschwur" ab, sich nicht zu trennen, bevor Frankreich eine neue Staatsverfassung gegeben worden wäre. Nun wich der König zurück und gab sein Einverständnis zu gemeinsamen Sitzungen aller drei Stände. Aber an der ersten Sitzung benahm sich der König immer noch einsichtslos; er hielt eine arrogante Rede und befahl der Versammlung auseinander zu treten, um im Anschluss wieder getrennt zu beraten. Als zwei Tage später Necker als Finanzminister vom König entlassen wurde, geriet das Pariser Bürgertum in Wut und Empörung. Paris befand sich im Aufruhr. Die berüchtigte Zwingburg des Absolutismus, die Bastille, wurde am 14.7.1789 von der Nationalgarde erstürmt, eine Tat, die in Frankreich und halb Europa bejubelt wurde als Akt der politischen Befreiung. Doch waren da keine politischen Gefangene zu befreien; nur einige zivilrechtliche Sträflinge kamen ins Freie. Von da an aber kam die Revolution in schnelleres Fahrwasser. In der ersten Phase der Revolution ging es um die Freiheit, da ging es um die Befreiung von Bindungen im Gefüge der alten Ordnung, von Feudallasten, Zwängen der Ständegesellschaft, Befreiung vom Absolutismus des Regimes und von den Eingriffen der Kirche in das Leben des Einzelnen. Die alte Vorherrschaft vom Adel und Klerus war durch die "Erklärung der Menschenrechte" vom 26.8.1789 aufgehoben und eine neue Gesellschaftsordnung eingesetzt. Nach dieser Befreiung zeigte sich, dass die Freiheit zwei Seiten hat: frei geworden mussten die Menschen entscheiden, was sie mit der Freiheit anfangen wollten. Wozu war man denn frei geworden? Was ergab sich aus den Freiheitsrechten für die neue Gesellschaft? Die Antwort suchte man in der zweiten Phase der Revolution (1792 – 1794) im Egalitarismus der Jakobiner und "Sansculotten", die allenthalben "Feinde der Gleichheit und des Volkes" entdeckten und vernichteten. Hatte man 1789 so begeistert die fraternité bejubelt, jetzt dachte man nicht mehr an sie. Die Idee der "Volkssouveränität" beherrschte die Szene: am 24.6.93 arbeitete der Konvent eine neue Verfassung aus; sie war fortschrittlich, handelte vom Recht der Bürger auf Arbeit, soziale Unterstützung und Ausbildung, anerkannte das Recht auf Widerstand gegen die Regierung, wenn diese das Recht des Volkes verletzt. Die Regierung wurde dem neuen Souverän gegenüber, dem Volk, verantwortlich gemacht. Andrerseits zählte diese Verfassung das Recht auf Eigentum zu den Menschenrechten, womit die égalité wieder eingeschränkt wurde. Robespierre sah sich darum zur Feststellung veranlasst: "Ihr habt Artikel auf Artikel gehäuft, um dem Gebrauch des Eigentums die grösste Freiheit zu gewähren. Und ihr habt kein einziges Wort hinzugefügt, um sein Wesen und seine Legitimität zu bestimmen; so dass eure Erklärung nicht für die Menschen, sondern für die Reichen, die Börsenwucherer und die Tyrannen gemacht zu sein scheint" (24.4.1793). Jacques Roux sammelte die "enragés", die Wütenden, um sich , die von der Revolution enttäuscht waren. Robespierre hingegen bekämpfte sie als ein ultrarevolutionäres, chaotisches Element. Der Konvent nahm immerhin die Empörung der hungernden Pariser ernst, setzte Höchstpreise fest und verbesserte die Lebensmittelversorgung. Die Zeit der "Sansculotten" begann, die Dinge nahmen "einen rasanten Gang". In der Legislative wie im Konvent standen sich zwei republikanische Parteien gegenüber, die auf Leben und Tod miteinander verfeindet waren. Im Frühjahr 1794 führte die Radikalisierung der Revolution zu einem Kampf ihrer Anhänger untereinander: alle, die Fenillants, Girondisten, linke Jakobiner, Hébertisten, alle hatten sie ihr Illusionen und gingen mit ihnen zum Schafott, im Glauben an die Richtigkeit und Unsterblichkeit ihrer Ideen. c) Zum Ertrag der Französischen RevolutionDie "Aufklärung" hatte die Menschen zu einem neuen Weltverständnis hingeführt: die Vernunft des einzelnen war im Begriff, autonom zu werden; die Welt schien vernunftgemäss erfasst werden zu können, und die Einrichtung der Welt nach vernünftigen Gesetzen möglich zu sein. Nun war offensichtlich die Welt und alles auf ihr logisch, gesetzmässig und folglich auch beherrschbar beschaffen. Rousseau tat den weiteren Schritt und zeigte auf, wie Ideale verwirklicht werden könnten: durch die Umwandlung des Menschen und seiner gesellschaftlichen Einrichtungen. Das Lebensgefühl dieser Menschen kam beim Marquis Ségur, der einst Mitglied der Nationalversammlung gewesen war, zum Ausdruck: "Wir waren geblendet vom Prisma der neuen Gedanken. Wir wiegten uns in bestrickenden Träumen von einer Philosophie, die das Glück des Menschengeschlechts sichern wollte .... Allgemein glaubte man, der Vollkommenheit entgegen zu gehen. Man war stolz, dem 18. Jahrhundert anzugehören". Das neue Lebensgefühl der Emanzipation der Persönlichkeit und ihr Freiheitsdrang, das bewusste Denken und Handeln brachte die alten Lebensordnungen in die Krise. Die Revolution bewährte sich im Abbau von überholten Positionen: sie kämpfte gegen die alten Mächte, gegen die Kirchenmacht und ihre Herrschaftsstellung und ihre Privilegien, gegen die "Feudalität" als System unzähliger Herrschaftsrechte des Adels und des Königtums, gegen die wirtschaftliche Abhängigkeit der Nichtprivilegierten von den Privilegierten. So kam das Ancien régime der Dreiständegesellschaft zu Fall. Die "Erklärung der Menschenrechte" (1789) – ein Auszug aus Rousseaus Schriften! – verwies den Menschen auf seine neue Bedeutung und wandte sich ohne Unterschid an alle Glieder des Volkes. Mit der Kanonade von Valmy 1792 und der "levée en masse" erwies sich Volkspotenz als Besiegerin von Fürstenmacht, - so wie bei Sempach 1386! Darum wertete der Augenzeuge Goethe das epochale Ereignis: "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus". Dem Revolutionsgeschehen eignet eine ungeheure Dramatik: es beginnt mit einem rauschhaften Idealismus, Enthusiasmus und orientierungslosem guten Willen und endet in einem Meer von Blut und Tränen, in scheusslichen Greueln, im Donner der Kanonen und Napoleons Zwangsherrschaft. Die anfänglich dreifache Parole wurde erweitert und lautete dann: "liberté, égalité, fraternité ou la mort!" In diesem Geist erzwangen die Sansculotten vom Konvent am 17.9.1793 auch das "Gesetz gegen Verdächtige". Die Revolution hatte eine persönlichkeitsfeindliche Ideologie entwickelt und dadurch Napoleon den Weg bereitet. Sie verstärkte den zentralistisch - mechanistischen Einheitsstaat, den schon der Absolutismus der Fürsten geschaffen hatten, verstärkte aber auch die bereits vorhandenen nationalen Triebkräfte in Europa, nicht zuletzt auch bei den Gegnern Frankreichs in der Abwehr des revolutionären Druckes. Zur Entfaltung des europäischen Grundthemas tat die Revolution einen grossen Schritt. Ihre Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit leben im Bewusstsein der Menschen weiter und sind geeignet, ein "Reich des Menschen" für alle Menschen zu begründen. Die Revolution war eine europäische Angelegenheit; impulsiert von englischen Aufklärern und genährt von den zündenden Gedanken Rousseaus aus der Schweiz, ereignete sich in Frankreich ein Aufbruch von elementarer Wildheit; die "Grausamkeit, ja Niedrigkeit der Revolution" erschreckte Europa zutiefst, aber die Kühnheit der neuen Ideen verführte es unwiderstehlich. d) Die deutsche RevolutionDie neuen Ideen waren für viele Europäer unwiderstehlich. Die Nachrichten von der Aufhebung des Feudalsystem und der Abschaffung der Standesprivilegien erregte den (lange) aufgestauten Bürgerzorn in den Territorien der geistlichen Kurfürsten, und im Oktober 1792 wurde in der Bischofsstadt Trier der Magistrat vertrieben, worauf das Reichskammergericht eine "Reichsexekution" anordnete: mit militärischer Macht konnten die Trierer Unruhen erstickt werden. Auflehnungen auch in der Pfalz, in Bruchsal, in Köln. Lüttich hatte seit 1789 alle deutschen Fürsten aufgeschreckt: die Stadt rebellierte und forderte ihre alten Rechte zurück, u.a. das Recht zur Wahl der Magistraten. Der Fürstbischof lenkte ein, auch durch die Besteuerung der geistlichen Güter. Aber das Reichskammergericht führte wieder eine "Reichsexekution" durch. Die Bürger wehrten sich gegen die anrückenden preussischen Truppen, wurden aber 1791 mit Hilfe der Österreicher bezwungen. So zeigten die alten Mächte überall ihre militärische Überlegenheit. In Mainz trafen sich im Juli 1792 die Vertreter der alten Mächte: eine Heerschar des antirevolutionären Europa. Der Hofbibliothekar in Mainz, Georg Forster, schrieb darüber: "Es schmeichelte uns, ein junges Pantheon von kleinen Erdengöttern .... versammelt zu sehen .... denn das Prinzip der Nationaleitelkeit ist allenthalben wirksam und der Mainzer fühlte sich wichtig in seinem Kurfürsten". Der Sinn des "Mainzer Kongresses" waren Beratungen über einen Interventionskrieg gegen Frankreich. Aber nach zwei Monaten rückten die Revolutionstruppen in Mainz ein, nachdem schon Speyer und Worms eingenommen worden waren. Die Bürger der Stadt waren überrascht zu sehen, wie "Offiziere und Gemeine wie Brüder ein Herz und eine Seele" waren, wussten aber nicht, was sie mit der Freiheit anfangen sollten, von der ihnen die Franzosen redeten. Jubelnd begrüsst wurden die Revolutionstruppen eigentlich nur von einigen Intellektuellen; sie gehörten zur schon 1789 gegründeten "Gesellschaft deutscher Freunde der Freiheit und Gleichheit", der erste Jakobinerklub in Deutschland. Diese Mainzer "Klubisten" schöpften aus dem Begriffsvermögen der Aufklärungsphilosophie und dem Gedankengut Rousseaus; sie standen alle der Freimaurerei nahe und glaubten an die Gleichheit aller Menschen und an den "allgemeinen Willen" ("volonté générale"). In Anbetracht der provinziellen Mentalität hielt aber Georg Forster eine allgemeine Volkserhebung in Deutschland für undenkbar; er urteilte über die Mainzer, "dass sie ohne den gnädigsten Befehl des Herrn Generals nicht frei sein wollen und keinen Schritt dazu tun können und werden". Er klagt: "Die deutsche Trägheit und Gleichgültigkeit erregt die Galle. Noch regt sich nichts und immer mehr Leute kommen mit Vorschlägen, wie bald sich alle für die Freiheit erklären würden, wenn man ihnen nur alle Abgaben erlassen wollte .... sie begehren vollkommene Zusicherung, dass man nichts tun und gar keine Pflichten haben werde. Am Ende werden wir es ihnen doch wohl gnädigst befehlen müssen, dass sie frei sein sollen – dann geht's". Er wusste, wie schwer es ist, ein Volk für Freiheit und Gleichheit zu begeistern, das an Untertanengehorsam gewöhnt ist. Die Mainzer hatten ja bloss eine "Revolution von oben" erlebt, ein von den Siegern mitgebrachtes Geschenk, für das sie überhaupt erst aufgeschlossen werden mussten. Das versuchte u.a. auch Georg Christian Wedekind: in kosmopolitischer Begeisterung forderte er seine Mitbürger auf, alles zu tun, "um aus allen Völkern der Erde ein einziges Volk zu schaffen (!), ein Volk, dessen Glieder keinen andern Unterschied als den der Verdienste anerkennen". So wenig die Franzosen mit ihrem Parvenu-Autokraten Louis Napoléon glücklich wurden, den Deutschen erging es nicht besser: ihre Revolutionäre von 1848 scheiterten am fehlenden Rückhalt im "autoritätshörigen Volk"; dieses blieb passiv und schaute nur zu. Darum klagte im 20. Jahrhundert der erste Bundespräsident Theodor Heuss: "Es ist das geschichtliche Leid der Deutschen, dass die Demokratie von ihnen nicht erkämpft wurde". Sie wurde ihnen von den siegreichen Alliierten verordnet! In Deutschland kamen Reformen immer "von oben": kaum fühlte sich Friedrich Wilhelm IV. wieder sicher im Sattel, verordnete er seinen Preussen eine Verfassung, die zwar einige Grundrechte garantierte, aber immer in der Sicht "von oben" und "aus Gottes Gnade" gestaltet war. Darum auch spöttelte Bismark später: "Revolutionen machen in Preussen nur die Könige". e) Das revolutionäre EuropaFrohgemut hatte sich die Französische Revolution aufgemacht und das Ancien régime und die Monarchie bekämpft, dann aber hat sich der Individualismus mit dem Staatssozialismus verbündet. So hat sie all' das gutgeheissen, was sie anfangs abgelehnt hatte: die Allmacht des Staates gegenüber dem Privateigentum, sein Einmischungsrecht in die Wirtschaft, seinen Eingriff in das Privatleben der Bürger. Im Freiheitsbegriff der "Aufklärung" und ihrer Enzyklopädisten lag kein Zugang zum Gestalten einer neuen Gemeinschaft. So blieb der revolutionäre Impuls in den Grossmächten stecken. Der Durchbruch zur "Moderne" gelang nur in der Schweiz. |
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