EUROPA IN DER SCHWEIZ


A. Die Schweiz setzt sich mit dem EWR auseinander

"Die Schweiz in der UNO"

C. Weg der Schweiz

B. Europas Weg



1. Sein Ursprung: Kreta

Alle Anfänge liegen im Dunkeln. Doch der Mythos macht uns die Bildekräfte des Geschehens anschaubar; er enthält den Schlüssel zum Verstehen von Zusammenhängen.

Zeus, Leitgeist der Griechen, holt im Stier-Zeitalter als "Stier" die Königstochter Europe aus Phönizien und führt sie nach Kreta. Ihr Name meint: "das weite Gesicht, der weite Blick"; die Haltung des wachen und umfassenden Blickes nimmt die Welt auf in das eigene Ich. Der "Sohn" aus Europe und dem Zeus-Impuls trägt den Namen Minos; er ist der "zum Geist durch das Denken berufene" Herrscher, zugleich König, Gesetzgeber und Priester, ein Regent der alle Bereiche des Lebens umfassenden Tempelkultur des Alten Orients. Minos wird von Zeus erzogen, übernimmt von ihm das goldene Zepter der gerechten Herrschaft und erhält von ihm alle neun Jahre in der Gebirgshöhle weiterführende Belehrung. Er ist einer von denen, "die das Ganze wissen".

Damit ist die dritte Göttergeneration zur Wirksamkeit auf Erden gekommen: sie verdrängt Demeter aus der Erdenführung! Hephaistos spaltet den Kopf des Zeus und entbindet Athene zu eigener Tätigkeit im Kulturleben des Menschen. Die Himmelsgeschichte beginnt, in Erdengeschichte überzugehen. Der Mensch kommt in die Schule der Götter! Das Stierspiel leitet ihn an zur Meisterung des Stieres, der Stierkraft in sich selber. Die labrys, die kultische Doppelaxt, verweist den Menschen in die Welt der Zweiheit, die von den Göttern gewollt ist, um aus der Welt ursprünglicher Einheit heraus zu finden. Das Labyrinth als Tanz, Figur und Bau formt im Seelischen des Menschen Innenraum. Diese Kernvorgänge der minoischen Epoche auf Kreta lösen den Menschen aus uranfänglichem einheitlichem Lebensraum heraus, in dem die "Grosse Mutter" herrschte. Das "Vaterrecht" nimmt seinen Anfang; die Heroen verhelfen ihm zur Ausbreitung. Theseus überwindet die Stierkraft im Minotauros, beendet das kretische Priesterkönigtum, bekämpft die Amazonen und begründet den Synoikismos Athens. So wird der Mensch aus dem inspirierten Bewusstseinszustand in das Kopf-und Ichbewusstsein eingeleitet. Die Mission des minoischen Kreta war beendet.

Das Griechentum übernimmt die Führung mit der Willenskultur der Dorer und Mykener, eine Kultur des männlichen Willens. Die Forderung der Zeit geht auf Kraft des Gedankens, auf waches Tagesbewusstsein und personalen Einsatz, um das Erdenleben selber gestalten und verantworten zu können. Eine Kultur der Personalität wird veranlagt und ausgebildet.

Damit trennt die Ägäis zwei Bereiche: auf der einen Seite alte theokratische Reiche, deren Leben geführt ist von gottmächtigen Priesterkönigen und ihren Beamten in gut verwalteten Tempel-Wirtschaftszentren; auf der anderen Seite bildet sich die pólis als Selbstverwaltung eines überschaubaren Gebiets, in dem homónoia den Zusammenhalt in Eintracht garantiert und die Bürger sich nur selbstgegebenem Gesetz verpflichtet fühlen und der Idee der eigenen Ordnung leben. Durch diesen territorialen Bezug entsteht aus dem Personennamen "Europe" der Landschaftsname "Europa" für einen Lebensraum, der nicht mehr "Asia" war und zum Ausstrahlungsherd von unabsehbaren Wirkungen wurde.



2. Israel

Auf seinem anspruchsvollen Lebensweg erhält Europa Wegzehrung im Alten Testament.

Die Elohim schufen den Menschen "in unserem Bilde nach unserem Gleichnis" (Gen 1,26) mit der Bestimmung, sich zu vermehren, die Erde zu füllen und sich ihrer zu bemächtigen. Im Garten Eden erhielt der Mensch die Aufgabe, "ihn zu bedienen und zu hüten" (Gen 2,15). Damit ist er befähigt, als Beauftragter Gottes zu arbeiten: er steht in einem Dienstverhältnis. Lässt er sich aber von der Erde in Beschlag nehmen, verfällt er ihr gar, so lebt er entgegen seinem Auftrag und seinem Lebenssinn.

Die Erdbezogenheit verwirklicht sich mit der Austreibung aus dem "Paradies": Arbeit und Mühsal haben ihren Wert in sich selber. Der "Baum des Lebens" kann nicht hinter der Grenze gefunden werden. Die Fähigkeit zum "Erkennen von gut und böse" weist den Menschen nach vorwärts in seine Zukunft hinein. Da bedarf der Mensch der Führung: El'Eljon, "der Schöpfer (und Besitzer) des Himmels und der Erde" (Gen 14,19), teilte am Anfang aller Geschichte die Welt auf und beseitigte die uranfängliche Einheit; der Weltherrscher vergab damit seinen Machtbereich, bestimmte die Grenzen aller Völker und schied diese nach der Zahl der "Söhne Els". Gestirnsgottheiten sorgten wahrhaftig in ihrem Volk für Recht und Ordnung und hatten in der himmlischen Beratung Sitz und Stimme (Ps 82,1). So war jedem Volk sein Herrscher bestimmt (Sir 17,17). Israel aber erhielt Jahwe zum Leitgeist, der es in seine Zukunft hinein führte. Es war damit zu seinem Erbbesitz geworden, sein "Anteil". Der Schöpfungsprozess schreitet weiter durch Trennung und neue Verbindung.

Im "Turmbau von Babel" findet die Austreibung aus dem "Garten Eden" ihre Fortsetzung. Die Einheit der Menschen mittels einer Zusammenfassung ihrer Energien liegt nicht im Sinne des Schöpfungsauftrages; jeglicher Titanismus verblendet die Menschen und führt sie in die Irre. Unmissverständlich wird ihnen kundgetan, dass in der äusseren Zerstreuung verschiedener Lebensräume und unterschiedlicher Sprachen ihre Chance zum wahren Leben enthalten ist.

In der Achsenzeit, um 600 v.Chr, hören wir die Stimme von Jeremia; er kündet vom neuen Bund Gottes mit den Menschen: "Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein" (Jer 31,33). Wenig später vermittelt Ezechiel die Botschaft Jahwes an Israel: "Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt" (Ez 36,27); "schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! (Ez 18,31) Für beide Propheten ist Verantwortlichkeit individuell: "Jeder stirbt nur für seine eigene Schuld" (Jer 31,30). Innere Umkehr, nicht Kult und Gesetz sind heilbringend für jeden Menschen.



3. Griechenland

Alle Anfänge liegen im Dunkeln. Aber der Mythos hilft zum Verständnis: seine Bildsprache verweist auf Sinnzusammenhänge.


a) Göttertaten

In die Welt der uranfänglichen mütterlichen Erdmächte kam Bewegung. Hera zuerst, dann Zeus änderten ihr Wesen. Sie bekämpften die unteren Götter, warfen die Titanen in den Tartaros und übernahmen mit ihresgleichen die Führung des Weltgeschehens, insbesondere mit Apollon und Athene. Die kampferfüllte Auseinandersetzung erforderte eine neue Verteilung der Welt: Zeus, Poseidon und Hades erhielten je einen eigenen Wirkungsbereich. aber die Erde beherrschten sie gemeinsam. Zeus wurde zum "Vater aller Menschen und Götter", aber die moîra blieb, was sie vordem gewesen war; die Welt der mutterhaften Kräfte, Gaia- Demeter - Erinys, behielt ihre Stellung und Aufgabe; die Titanen und Giganten waren nun in ihrem Wirkungsbereich eingeschränkt, blieben trotzdem urgewaltige Seinsmächte, mit denen auch die oberen Götter immerzu rechnen mussten. Die neue Führung war personal aktiv, Garant der Ordnung, zu der sie hinstrebte; aber die chthonischen Gewalten mussten sie miteinbeziehen, sollte das Ziel der Olympier erreicht werden können. Weder Über- noch Unterordnung galt darum, sondern gemeinsames Handeln bei verteilter Machtbefugnis. Göttlich-geistige Welt gab dem Menschen damit ein Vorbild, dem er nachleben konnte.

Hera überredete die Titanen, die willensmächtigen Erdmächte und Urheber der kosmischen Geschichte, den Dionysos Zagreus, Sohn von Zeus und Persephone (!), also das Einheitsbewusstsein zu zerreissen. Im Eintauchen in die Erdenkräfte wird dieses zerstückelt, begrenzt und umgeformt, somit individualisiert. Dionysos führt den Menschen der Frühzeit aus einem unitären Welterleben, mittels Wein und Tanz und Ekstase zum Erlebnis herausgesetzter Eigenheit. Auf die Zeit der Gemeinsamkeit von Göttern und Menschen erfolgt eine Scheidung zwischen ihnen, die doch ursprünglich "eines Stammes" waren, von einer Mutter, der Mutter Erde: Nun speisen Götter und Menschen nicht mehr gemeinsam am gleichen Tisch, Die Verbindung zwischen ihnen muss von da an im Opferdienst gesucht werden. Diese Scheidung zweier Weltbereiche veranlasst den Titanen Prometheus, "listig, wendig im Denken, findig im Planen" zum Versuch, Zeus zu übertrumpfen; das gelingt ihm nicht, aber von nun an muss der Mensch Arbeit und Mühsal zu seinem Schicksal rechnen, "Strafe" und Chance zu gleich; so erfährt es auch Herakles, "Ruhm" der Hera.

Die Einheit der Welt ist zerbrochen, aber die Götter nehmen sich der menschlichen Sphäre hilfreich an. Im 8. Jahrhundert hält Apollon seinen Eingang in Delphoi und entfaltet eine weltweit ausstrahlende Tätigkeit. Als "Herrscher aller Sterblichen", wendet er sich an alle "Völker der Menschen", ohne auf Volkszugehörigkeit und Glauben zu achten. Als "Meister" des Denkens wendet er sich an die "klare Einsicht" des Ratsuchenden, gibt er bloss Hinweise, "Zeichen", die der Interpretation bedürfen. So führt er zum Lebensweg, auf dem Weg des wahren Lebens, zum Leben in der Wahrheit. Delphoi ist ein Schulungszentrum! Die sieben Weisen sind die Stimme Apollons: gnothi seauton, meden agan, sophronei; innere Ordnung in Kopf und Brust begründet auch aussen Harmonie. In Besonnenheit soll der Mensch seine Grenzen erkennen. Der Gott drängt auf eindeutige Gerechtigkeit mittels eindeutiger Zurechnung gemäss der talio. Und weil der Einzelne nun individuell schuldig wird, ist er auch individuell vom Areopag zu richten; damit ist der ehrwürdige Automatismus der Erinyes durchbrochen. Göttliche Führung will Menschenreich!



b) Wandlung des Menschen

Der Mensch pelasgisch-archaischer Kultur lebt als Glied des Weltganzen sein Leben empfangend, passiv-erleidend, heteronom, aus dem "Zugeteilten". Ein offenes und ungeschütztes Kraftfeld ist er, Schauplatz von Mächten. Até und moîra sind göttliche Kräfte, die den Sinn des Menschen verblenden und sein ganzes Wesen als "Befleckung", miasma, verunreinigen. Noch bei Homer ist magische Kausalität: "Die Götter in allem", ohne Bewusstsein innerer Motive. Aber Homer steht an einer Zeitwende. In der Ilias wird Glaukos ermahnt: "immer der Beste zu sein und hervorzuragen vor andern", und in der Odyssee stellt sich der "erfindungsreiche" Odysseus vor mit einem treuherzigen "Ich bin Odysseus". Ihm, seiner List hatten die Griechen vor Troia zu verdanken, dass sie diese Stätte uralter Kultur endlich bezwingen konnten, um sich aus ihrem Bannkreis loszuringen und eigenständig zu werden; unter Athenes Führung zerstörte Intelligenzkraft überkommenes Priesterkönigtum. Griechenland befand sich auf dem Weg zur Persönlichkeitskultur. Das Verb der Frühzeit hatte den Unterschied von Aktiv und Passiv kaum entwickelt; das Bewusstsein menschlicher Anstrengung war nicht vorhanden. Mit dem Imperativ Hesiodos "Arbeite Peres!" änderte die Lage, die Spontaneität lag nunmehr beim Menschen selber. Auf dem Weg von Homer über Hesiod, Pindar, Simonides zu Heraklit offenbarte sich dem Menschen die Bedeutung von Gesinnung und Absicht. Die Weisen riefen auf zur Ausbildung von Innerlichkeit. "Innen" und "aussen" konnten nun unterschieden werden: "Ich habe mich selbst gesucht" (Herakleitos). Die ursprünglich ungeteilte Seele wird nun innere Eigenschaft als Gegensatz zum Körper; der thymos wird lenkbar, ist schon bei Archilochos zugleich Ich und angeredetes Du, und Tyrtaios fordert ihn sogar imperativ zur Änderung auf. Bei den Tragikern stösst der Grieche durch zum Bewusstsein eigener Verantwortung: der Mensch muss entscheiden! Vom 8. bis 4. Jahrhundert zieht sich die Seele aus der Bindung an die natürliche Welt heraus, zieht sich in den eigenen Innenraum zusammen und wird dem Menschen verfügbar. Damit hat dieser die Möglichkeit, die Aufgabe und Verpflichtung, sich selbst zu bestimmen, autonom zu leben. Das Leitthema des 1. Jahrtausends v.Chr. war die Eigengesetzlichkeit des Menschen, sein immerwährender Wille: "ethos anthrópos daímon", die eigene Wesensart ist des Menschen Dämon, d.h. Geist (Heraklit).

Dieser grundlegende Wandlungsprozess des Menschen zeigt sich in der ganzen Kultur. In der Plastik tauchen persönlichere Züge auf als Ausdruck inneren Lebens; Bewegung und Spannung zeigen sich, auch im Kontrapost seit dem frühen 5. Jahrhundert und in der Ausbreitung der rotfigurigen Vasenmalerei: Die Künstler fangen an, ihre Werke zu signieren! Nicht mehr den Musen, sich selber rechnet der Mensch sein Werk zu. Auch im Rechtsgebiet wird dem Täter seine individuelle Schuld zugerechnet: er wird verantwortlich und schuldfähig; das alte miasma wird zur Sünde als innerer Mangel, den das Gewissen seit dem 5. Jahrhundert anzeigt; die Erinys ist damit abgelöst durch den inneren epískopos, das Ich weiss nun selbst um Recht und Unrecht. Gesinnung wird zum entscheidenden Element. Absicht, Motiv zählt. Das alte, religiös fundierte Eigentum wird dem Einzelnen zugerechnet, selbst der heilige Boden der Familie wird verfügbar. Das persönliche Testament gibt Gestaltungsmacht über den Tod hinaus. In diesen und vielen anderen Symptomen zeigt sich die fundamentale Umwandlung des Menschenwesens und sein Verhältnis zur Welt.



c) Das Gemeinschaftswesen

Die traditionellen Lebensformen konnten nicht mehr genügen: das sakrale Priesterkönigtum, die gentilizische Adelsordnung, der bindende Zusammenhang von Familie, Boden, Religion und Recht widerstanden der Überzeugung von Hesiod: "Der ist der allerbeste, der selbst alles einsieht." So verfügt das Orakel von Delphi: "Entscheidung und Bestätigung soll dem Volk zustehen", und Lykurgos führte diesen Auftrag aus, durch die Grosse Rhetra. Er teilte das alte Königtum auf zwei Träger auf; diesen zur Seite stellte er den Demos, die Volksversammlung als zweite staatliche Gewalt, die dem Willen des Königs entzogen ist. Der Staat "empfing in der Macht der Geronten einen festen Anker, kam so ins Gleichgewicht und gewann die sicherste Ruhe und Stetigkeit", wie Plutarchos urteilte. Die politischen Entscheide erfolgten nun im geordneten Zusammenwirken mehrerer Gewalten und fanden ihren Ausdruck in Gesetzen, deren eigentlicher Zweck in der Erziehung der Bürger lag, denn Lykurg baute bewusst auf den Menschen und auf den festen Willen eines jeden einzelnen. Flankierende Massnahmen stellten die neue Heeresordnung mit der Hoplitentaktik, sowie die Boden- und Besitzreform dar als "zweite und gewagteste politische Massnahme Lykurgs, um alle gleich unter gleichen Lebensbedingungen leben zu lassen und einen Vorrang nur durch Tätigkeit erringen zu lassen" (Plutarch). Die ausgewogene Verflechtung der Beteiligten verrät den Einfluss Apollons, ist doch kein Teil allein entscheidend: jeder muss von Anfang an mit dem anderen rechnen und jeder muss sich mit allen befassen. Durch politische Struktur wird Solidarität begründet!

In den andern Griechenstaaten lagen die Verhältnisse ähnlich: im 7./6. Jahrhundert v.Chr. bildete sich in den Ständekämpfen eine nicht-adlige Gesellschaft, die Handlungskraft im Staat ging auf einen grösseren Kreis über, weshalb sich überall Organe des Demos für die Teilhabe am Entscheidungsprozess als nötig erwiesen. In Attika stand Solon ebenfalls in Verbindung mit Delphoi. Er räumte mit der seisachtheia, "Abschüttelung der Lasten", die gefährlichsten Krebsherde aus und begründete danach eine Timokratie, in der die politischen Rechte nicht mehr gemäss dem Geburtsstand, sondern entsprechend der wirtschaftlichen Leistungskraft verteilt waren. Kleisthenes setzte dann 508 das Werk Solons fort: durch die Errichtung von territorial konstituierten Phylen entzog er dem Adel seine Macht. Die Ämter des Gemeinwesens wurden durch das Los besetzt, damit Gleichheit die persönliche Kraft des Einzelnen zur Geltung bringe. Und Ostrakismos sollte dafür sorgen, dass keiner durch politischen Wildwuchs die demokratischen Chancen gefährden könne. Das Gemeinwesen sollte auf die Autonomie der Einzelpersönlichkeit gestellt bleiben. Auf die Dauer war aber der Individualismus damit heraufgeführt. Leute wie Alkibiades wollten den Staat als Vehikel nützen, um eine glänzende Stellung zu gewinnen; ihre Taten zeugten von Schwäche, Haltlosigkeit und Verrat. Schon vorher hatte die Sophistik den Menschen zum "Mass aller Dinge" erklärt, sein Denken aber als relativ und subjektiv verstanden, so dass das Subjekt und sein Ehrgeiz vollauf gerechtfertigt schienen. Damit war die alte Religion sowie die pólis und ihre autarkeia zerstört; denn die autonomía, die Selbstgesetzgebungsmacht, beruhte auf der genossenschaftlichen Grundlage der Polis: die Politen, die imstande waren, sich selber an den nómos, die Lebensordnung der pólis zu binden (im Bürgereid), unterliegen nicht fremdem, sondern eigenem Gesetz; Existenz und Herrschaft des Nomos ermöglichten Autonomie. In den Poleis herrschte ein dauernder Zustand von stasis, und zwischen den Stadtstaaten, besonders Athen und Sparta, untergruben unaufhörliche Auseinandersetzungen ein gedeihliches Bestehen. Der peloponnesische Krieg brachte das Ende griechischer Selbständigkeit, - aber nur im staatlichen Sektor. Das daraus entstehende Vakuum war eine Chance für die Ausbildung geistiger Tätigkeit. Die Koiné wurde das Band für alle Völker zur Teilnahme an einer gemeinsamen Kultur: Athen wurde Lehrer der Menschheit. "Grieche" bedeutete fortan Kulturzugehörigkeit. Anstelle der Blutgemeinschaft wurde die Bildung zum einigenden Band. Das Hellenentum hatte sich so aus "einer politischen in eine Kulturpotenz" (Jakob Burkhardt) verwandelt. Die Idee der Humanität entstand und das Bewusstsein menschheitlicher Zusammengehörigkeit.



d) Erträge griechischen Lebens

Im begrifflichen Denken teilt sich die einheitliche Welt in Bereiche auf, die dem Menschen verfügbar werden, wenn er neue Verbindungen schafft: "Unterscheiden und Verbinden" durch den Logos bildet Gegenstandswelt.

Zuwendung zur Erde erschliesst Vielfalt des Zuhandenen und führt zur Auseinandersetzung: "Streit" wird zum Vater der Dinge.

Ich-Bewusstsein bildet sich aus, und individuelle Zurechnung stärkt die Kraft des Ich und seine Aktivität im täglichen Leben.

Teilhabe und Mitwirkung am Leben der Gemeinschaft benötigt der Einzelmensch, nicht Unter- und Überordnung. Genossenschaftlicher Geist stärkt die Gemeinschaft und damit auch den Einzelnen.

Die Geburt des Individuums verändert Stellung und Aufgabe des Menschen, aber auch die Struktur des Gemeinschaft. Von jedem Gemeinschaftsangehörigen wird Autonomie als Selbstgesetzgebungskraft gefordert, führen soll er ein Leben in und zur Wahrheit, und seiner Erziehung zum Bürger muss zu seinem eigenen Anliegen und zugleich Zweck der Gesetzgebung werden. Das dauernde Teilen und Verbinden wird ermöglicht und gefördert durch Institutionen im Leben der Gemeinschaft, wenn sie auf Machtverteilung angelegt sind. Der Mensch soll vom Nehmenden zum Gebenden werden, so will es der Sinn griechischer Lebensauffassung.



4. Das römische Reich


a) Der archaische Mensch

In der Frühzeit erfuhr der Mensch seine Welt als Leib geistiger Wesenheiten. Überall waren numina tätig; "Wink, Wille, göttliches Walten und göttliches Wesen" in einem, bereiteten sie die Lebensgrundlagen: vor allem die Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Pflanzen, das Gemeinschaftsleben in familia, Sippe und Staat. Die Welt war Göttertat: in hasta und ancilia ist Mars anwesend, schützend wacht er bei den Menschen im Pferdekopf an der turris Mamilia. Überall manifestiert sich Wille und Macht, ohne Gestalt, ohne Bild. Da ist Einheit von numen und Ding oder Funktion, von Name und Ding, von Sache-Wort-Sinn.

Der Mensch lebte als Teil dieser einheitlichen Geistnatur, die überall und jederzeit zu ihm sprechen konnte und von ihm ein stetes Lauschen auf das fatum verlangte. In allen wichtigen Lebensbelangen war die Geistwelt aktiv und führend; der Mensch war abhängiger Mitspieler, mit Verantwortung und in Pflicht genommen. Seine Aufgabe lag darin, die altererbten Vorschriften der Riten peinlich genau zu befolgen; dabei lernte er, sein Leben in Übereinstimmung mit objektiven Ansprüchen zu bringen: da war göttlich geleitete Schule des "Denkens" am Werk. "Religio" bedeutet zugleich religare und relegere. Damit trennte sich der göttliche und der menschliche Bereich als beginnende Ablösung des Menschen aus dem geistigen Mutterschoss: das Menschenwesen wurde zur Aussparung im Umgreifenden der Einheitswelt.

Dieser Entwicklungsschritt wurde von der Geistwelt inauguriert: Tinia und Tages, als Erdgottheiten, lehrten den Menschen die Kunst der Limitatio, eine sakrale Handlung zur Heiligung eines Erdenortes, der mit "Macht" geladen war. "Sacrum" und "profanum" trennten sich. Der Mensch erhielt Distanz zur Welt, weil er Namen und Ordnung gab. Durch das Pflügen der "heiligen Furche" wurde das pomerium konstituiert, die magische Grenze der Siedlung: damit war Raum gebildet, in dem die vollen Rechte des Bürgers bestehen konnten; jenseits aber herrschte Kriegsrecht, Mars blieb extra pomerium. Die Götter erstrebten ein Menschen-Ich, ein bewusstes Ich-Wesen. Dazu brauchte der Mensch Distanz. Am Erleben von Grenzen bildet sich Eigenbewusstsein, und Begegnung schafft Gestalt, sondert und schützt.

Auch die Gegenbewegung des Verbindens wurde von der Geistwelt veranlagt. Einzelne numina verbanden sich mit einer umfassenderen Macht und erschienen dann als Beiworte zu einem Götternamen: im Doppelnamen zeigten sich Sinnbezüge und Zusammenschlüsse in umfassenden Wirkungsbereichen. Numina traten als Gottheiten hervor im Wandel von Neutrum zur Person. so etwa Venus; das komplexe numen *venos, mit dem Wesenselement aestus "Glut, innerer Drang, Tatendrang", wandelte sich im 6. Jahrhundert zur Gottheit Venus und wirkte dann innerlicher, seelischer, im Menschen drinnen wirksam und lebensgestaltend.



b) Zeit der Republik

Der römische Mensch begann, einen Wandel in der Welt der Gottheiten zu erfahren: einzelne numina der Geistnatur wandelten sich zu göttlichen Personen, in der Zeit vom 6. - 2. Jahrhundert v.Chr. Sichtbar wird dieser Gestaltwandel im Aufstellen eines Götterbildes für Iuppiter Optimus Maximus im Kapitolinischen Tempel 507 v.Chr.; er nahm Terminus in seinen Tempel auf, und Mars trat etwas zurück in den Hintergrund. Iuppiter ist damit zum Haupt- und Staatsgott geworden, der universal wirken konnte, frei von jeglicher Beschränkung. Daraus ergab sich eine gleich-laufende Entwicklung in der Menschenwelt: aus den Neutra flamen und augur wurden Personenbezeichnungen; alte Riten von magischer Kraft wandelten sich zu Bittgängen; war früher der augur ein Mehrer des göttlichen Kraftgeschehens gewesen, so wurde er nunmehr wichtig in der Erkundung und Deutung von Vorzeichen. Der Mensch wurde mehr auf sich selbst gestellt, weil die Götter nicht mehr so unmittelbar in den Lebensprozessen wirkten. Die Anliegen und Ziele der Gemeinschaft traten in den Vordergrund: der Mensch musste versuchen, seine Rechtsbeziehungen selber zu gestalten. Er tat es mit den XII Tafeln in der Mitte des 5. Jahrhunderts und errichtete damit einen Wegweiser für die nächsten tausend Jahre, vor allem mit dem Prozessrecht. Von dieser tiefgreifenden Transformation wurde auch die Aufgabe der Pontifices umgestaltet: ursprünglich bestand sie in der Beratung eines Heerführers dank der Befähigung zum Verkehr mit den Geistmächten; jetzt aber galt ihr Wirken dem ganzen Volk. Der Pontifex wurde als "Wegbereiter" im privaten wie öffentlichen Bereich berufen, das alte Brauchtum mit begrifflichem Denken umzuformen: nun ging es nicht mehr darum, sich den Göttern zu nähern, sondern ihnen zu geben, was ihnen gebührte. Die Bereiche der Götter und der Menschen hatten sich einem Gleichgewichtszustand genähert.

Der Herculeskult, seit dem 5. Jahrhundert nachweisbar, trug ungewohnte Züge. Die Anlässe der Darbringung waren individuell, anders als bei den kalendarisch festgelegten Festen; die Beteiligung des Volkes am Opfermahl wich vom Herkommen ab, bei dem Priester und Magistrat den Kultakt allein vollzogen hatten; kein anderer Gott durfte neben Hercules genannt werden, das Opfer stand somit ausserhalb des üblichen römischen Zeremoniells. Der Gott war persönlicher Schutzpatron; in der Zeit des Appius Claudius verdrängte er den gentilizischen Kult. Das Eindringen des Aesculapius im 3. Jahrhundert v.Chr. auf Anraten der sibyllinischen Bücher weist in dieselbe Richtung: der neue Gott war für die Anliegen des einzelnen zugänglich, der Hilfesuchende empfing eine Traumoffenbarung und zwar ohne Kontrolle der staatlichen Priesterkollegien, was ihm eine ganz persönliche Beziehung zum Gott ermöglichte.

In der Pontifikalreligion stand das Individuum nur als Glied der Gemeinde unter dem Schutz der unsichtbaren Mächte, die über der Heimat walteten. Das änderte sich in den Wirren des 3. Jahrhunderts v.Chr.: die Menschen suchten und brauchten Hilfe in ihrem persönlichen Anliegen und ersehnten eine eigene Beziehung zur geistigen Welt. Sie erhielten sie durch den Kult von vorher unbekannten Mächten. Honos, Fides, Concordia, Piètas wirkten als göttliche Kräfte im Innern des Menschen, stärkten ihn für das tägliche Leben. Sein Handeln war das Werk solcher Gewalten, die Eintracht in die Gemeinschaft der Menschen brachten. Solche Mächte verehrend anzunehmen, brachte dem einzelnen Gewinn und eigenen Wert. So wurde ihm die Bedeutung des Innenlebens bewusst. Das Denken begann, sich mit dem Ich zu befassen; der Appell an eigene Besonnenheit kam auf. Mucius Scaevola führte die aller alten Religion unbekannte Rücksicht auf den Vorsatz des Täters ein.

Die Wandlungen in der Götterwelt gestalteten in Jahrhunderten die ganze menschliche Gesellschaft um. Die archaischen Gemeinschaften verloren ihre Bindungskraft, die familia pecuniaque als wirtschaftliche, soziale und kultische Lebenseinheit, die gens als sakraler Verband mit eigenem Gentilkult militärisch und politisch geschlossen, die Adelsfamilien mit religiöser, politischer und militärischer Führungskraft. Die überkommenen Formen des Zusammenlebens fingen an, Fesseln zu werden; war die emancipatio bislang ein Unglück gewesen, jetzt sah man in ihr eine Gunst als Befreiung zu eigener Lebensgestaltung. Die Eheschliessung wurde auf den persönlichen Willen beider Partner gegründet; die manus-freie Ehe kam auf, in der die Frau als Person sui iuris anerkannt war. Die Erziehung der Kinder wurde individualistisch, in Städten gar permissiv. Sozialprestige bekam der freie, auch wirtschaftlich unabhängige Mensch, der nicht in potestas lebte, wie der Gewaltunterworfene und der Sklave. Sein Wert war persönlich bestimmt und leitete sich aus eigener Tätigkeit her.

Die Plebs, die Masse der römischen Bürger, begann im 5. Jahrhundert v.Chr., sich als eigener Stand bewusst zu werden, hatte sie doch ein immer grösseres Gewicht in Handel und Krieg. Die alte, gentilizische Tribuseinteilung wurde durch eine regionale ersetzt. In eigentlichen Ständekämpfen wurden die Herrschaftsrechte der Patrizier abgebaut; die Kodifizierung und vor allem die Veröffentlichung des Rechts (der XII Tafeln 451 v.Chr.) durchgesetzt; das Bürgertum erfuhr die Gliederung in Besitzklassen. Bis 367 v.Chr. gab das Patriziat alle nennenswerten politischen Privilegien auf. Rom war eine Timokratie geworden. Es musste die Herrschaft im Staat auf das Volk verteilen, alle Volksschichten waren an der Regierung zu beteiligen, mittels Teilung der Gewalten und in ihrer Verteilung auf Beamte, Senat und Volksversammlung. Für die Machtausübung wurden Spielregeln eingeführt: die Annuität, die Kollegialität, der Wechsel in der Herrschaftskompetenz. Jeder Magistrat besass das volle, ungeteilte Imperium, beschränkt aber durch das Recht zur Intercessio seines Kollegen: jeder Magistrat behielt seine Entscheidungsfreiheit, aber er musste sich mit seinem Partner verständigen. Eine salomonische Lösung. Der Einbau des Volkstribunats in die Verfassungsordnung stellte "die legalisierte Revolution in Permanenz" dar. Und ebenfalls wirkte sich das Gegenseitigkeitsverhältnis der fides zwischen patronus und seinen clientes aus, als Festigung der Herrschaftsverhältnisse. Dank diesem komplizierten Ineinanderspiel der Instanzen wurde die römische (ungeschriebene!) Verfassung zur wirksamsten aller Verfassungen, gerade weil "sie aus lauter Widersprüchen zusammengesetzt" war. Effizienz und Dauer des Imperium Romanum zeugen für sie.

Das Rechtsleben machte den gesellschaftlich-geistigen Wandel voll mit. In den Zwölftafeln waren mos, ius und fas schon getrennt. Die sakralen Formalakte wurden ersetzt durch Formen, die der Absicht von Partnern dienten und deren Auslegung beherrscht war von der Sachgerechtigkeit, der Aequitas, die nicht auf formale Gleichbehandlung zielt, sondern gleiche Entscheidung gleichartiger Fälle will. Die bona fides, die Redlichkeit, das Worthalten, wurde selbständige Verpflichtungsgrundlage, bei römischen Bürgern und bei Peregrinen. Obligatio wurde zur Schuld, die den Haftenden zu einer Leistung verpflichtete, zugleich aber dem Partner ein Recht darauf einräumte. Aus dem sittlichen Bereich hatte sich eine Rechtspflicht abgelöst und verselbständigt. Im Eigentums- und Erbrecht und im Konsensualvertrag war dem Individuum ein eigenständiger Raum gegeben. Die Beschränkungen für den Schutz sozialer Interessen waren gelockert zugunsten individueller Bewegungsfreiheit. Das Miteigentum nach Bruchteilen, die societas, verdrängte das consortium ercto non cito: so werden übersichtliche Verhältnisse für den Einzelnen ermöglicht, Nunmehr zählte vor allem individuelles Denken und Streben, ein rationales Bewusstsein. Nicht der Wille der Götter, sondern der erklärte Wille der Vertragsparteien machte sich geltend. Das Recht war, als Bedingung menschlichen Zusammenlebens, menschlich geworden. Der einzelne Mensch gewann Bedeutung und Gestaltungsmöglichkeiten als auctor, Inaugurator und Mehrer der Daseinswelt. Mit diesem Neuen nur befassten sich die Juristen, im ius civile ging es ihnen um die Privatautonomie, diese war zu regeln; das Sakral-, Straf- und Verwaltungsrecht und insbesondere die Pflichtbindungen aus dem mos maiorum, sie alle bestanden daneben weiter und waren überaus wirksam. Gemeinschaftsordnung ist umfassender als das Privatrecht.

Im 2. Jahrhundert v.Chr. begann die altüberkommene Staatsgesinnung, virtus und pietas, schwächer zu werden, untergraben durch persönlichen Ehrgeiz und Egoismus. Das Erbe war erschöpft. Und mit ihm der Gemeinsinn. Machtanmassung machte sich breit und bediente sich der Bedingungen in einer Gesellschaft, die recht eigentlich überfremdet war: Einwanderung zahlloser Fremder, griechische Kultur und vita graeca, orientalische Religionen und Heilslehren, Die Staatstätigkeit dehnte sich notgedrungen stark aus, arbeitete aber mit alten Methoden und war dementsprechend ihren Aufgaben nicht gewachsen. Die Gemeinschaft war überfordert. Die Republik war innerlich am Ende.



c) Zeit der Monarchie

Was der damaligen Zeit fehlte, zeigte sich in den öffentlichen Zuständen. Die fundamentale Umpolung des menschlichen Lebens von aussen nach innen hatte den Einzelnen frei von der direkten göttlichen Leitung werden lassen, aber unfrei gemacht in seiner persönlichen Situation: die alten Tugenden galten nicht mehr viel, und die neuen Werte lebten und wirkten vor allem in den führenden Kreisen, in der Nobilität , im Handel und der Latifundienwirtschaft. Die Landbevölkerung im Reich blieb davon unberührt, sie lebte in den wirren Verhältnissen des 3./4. Jahrhunderts n.Chr. im Gefühle der Hilflosigkeit und verehrte noch immer die Laren, Penaten, Manen, - was dann 392 n.Chr. Theodosius zu verbieten suchte, aber noch bis ins 6. Jahrhundert vereinzelt vorkam.

Die Unfreiheit hatte aber noch eine andere Wurzel. Nach der Zerstörung Karthagos übernahmen die siegreichen Römer die Methoden der lagidischen Verwaltung; diese wies einen extremen Zentralismus auf und eine komplizierte Bürokratie; demgemäss bestand das Volk aus Unterworfenen und Leibeigenen. Auch bei den Römern erwies sich dieses Verfahren als ökonomisch erfolgreich; die Grossen wurden grösser, und damit auch der Einfluss der Wirtschaft auf die Politik. Die imposante Ausdehnung des Reiches mit seinem geordneten Rechtsleben machte Rom zum bewunderten Hoffnungsträger in Europa, aber die inneren Schäden wurden noch offenkundiger: das territoriale Reich war noch immer als Stadtstaat regiert; die Macht im Senat war in den Händen des Beamtenadels konzentriert und bald spielte neben diesem auch der Geldadel eine bedeutende gesellschaftliche und politische Rolle; beide arbeiteten sich gegenseitig in die Hände, unbekümmert darum, dass sich nach dem Bürgerkrieg die sozialen und wirtschaftlichen Gegensätze ins Unerträgliche steigerten. Da der Ausbau des Staates noch rudimentär war, weder den Anforderungen der Achsenzeit noch denen eines Territorialreiches angemessen war, blieb nur übrig, das System der publicani auszuweiten: es waren privatwirtschaftlich arbeitende "Unternehmer", die auf staatliche Weisung öffentliche Aufgaben (schlecht) lösten, dabei den Staat von Aufgaben und dem damit verbundenen Risiko entbanden, aber die Bevölkerungen durch Lohndrückerei und Erpressung bei der Steuereintreibung masslos ausbeuteten. Das Reich der Zeiten-wende lebte nach innen wie nach aussen in schwierigen Verhältnissen; seine gesellschaftlichen Kräfte waren bis zum Zerreissen gespannt. Das Urteil des älteren Plinius lautete demgemäss: "Solange Italiens Völker ihre Grenzen nicht überschritten, solange waren sie genötigt, ihre Kraft in sich selber zu suchen; das spätere Geschlecht erlag seiner eigenen Übermacht". Und über die politisch geeinte und gleichmässig zivilisierte Welt urteilte er: "Die Weite der Welt und die Verbreitung aller Verhältnisse ist nachteilig geworden!" Die Geschichte hat sein Urteil bestätigt.

Augustus erstrebte eine Gesundung der öffentlichen Zustände. Mit gutem Gespür setzte er bei den wichtigsten Übelständen an: er beschneidet den Wildwuchs der publicani, erweitert die städtische Selbstverwaltung, baut eine Verwaltung mit geschulten Beamten auf und versucht, die Schwachstellen der Provinzialverwaltung zu beseitigen. Die öffentliche Wohlfahrt ist sein Anliegen: er regiert für das Volk und verfolgt vorsorgliche Ziele. Das alles bedingt, dass die Gerichtsbarkeit Hoheitsrecht des Princeps wird, dass er seine Aufmerksamkeit gleichmässig dem ganzen Reich zuwendet. Die gleiche und gerechte Ordnung der Dinge verschafft ihm das Vertrauen der Bevölkerung. Der soziale Friede ist wiederhergestellt. Augustus kann den Ianus-Tempel schliessen!

Diese erfreuliche Entwicklung hatte aber auch eine unerwartete Seite, schon Tiberius stellte beim Senat eine folgenschwere Entscheidungsunlust fest und tadelte dessen Neigung, den Kaiser "machen zu lassen". Hundert Jahre später beklagte Plutarchos die Unsitte, bei jeder Kleinigkeit den Kaiser persönlich zu bemühen und ihn auch in belanglose Angelegenheiten der Lokalverwaltung hineinzuziehen. Man gewöhnte sich im Reich daran, sich auf die höhere Gewalt des Kaisers zu verlassen und auf Massnahmen "von oben" zu warten. So war der Trend zum Untertanenstaat eingeleitet: die Verwaltungsaufgaben erweiterten sich stets; die Delegation der Entscheidungskompetenz von "oben" nach "unten", Subsidiarität (!), liess den Staat zur Behördenhierarchie militärischer Art erstarken und erstarren; die Reichspolitik suchte sich zu stärken durch den Einbezug städtischer Funktionsträger in die Reichsverwaltung, entzog aber damit den Städten selber die Kräfte, deren sie dringend bedurften. Die Ausstrahlungskraft der Reichszentrale schwächte die materiellen und personellen Potenzen der Provinzstädte. Diese entwickelten zunehmend ein Gefühl des Unvermögens, mit den eigenen Aufgaben selbständig fertig zu werden, - was dann wiederum "Rom" veranlasste, in "einspringender Fürsorge" zu helfen, ohne verhindern zu können, dass beide Partner geschwächt wurden. Was gutmeinend als Ermunterungspolitik gemeint gewesen war, die Verleihung des Bürgerrechtes samt weiteren Privilegien für Dekurionen, erhöhte den Attraktivitätsgrad der Zentrale. Schliesslich kam es zur folgenschwersten Massnahme, indem Curatores als Aufsichtsbeamte den städtischen Behörden beigegeben wurden, wodurch sich die Verantwortlichkeit Roms vergrösserte. Die Tendenz zu korrrigierenden Eingriffen der Reichzentrale steigerte die Initiative- und Interesselosigkeit der Bürger gegenüber städtischen Aufgaben. Die Staatsreform unter Aurelianus, Diocletianus und Konstantin war eine Notstandsverfassung, durch die das klassische Imperium in eine absolute und zentralistische Monarchie mit einer weitverzweigten Bürokratie verwandelt wurde; der Kaiser mutierte zum sakralen dominus; das Heer wurde verdoppelt; der riesige Finanzbedarf musste mit Vereinheitlichung der Grund-und Personalsteuern bei rücksichtsloser Beitreibung gedeckt werden; die bisher freien Coloni wurden schollenpflichtig, und die decuriones wurden kollektiv haftbar für das Steueraufkommen ihrer Gemeinde. Das Nahziel dieser Massnahmen war um 400 erreicht, um den Preis des absolutistischen Klassenstaates und Staatskapitalismus. Damit war bürgerliche Freiheit verschwunden und zugleich der Regierung zusätzliche und untragbare Verantwortlichkeiten auferlegt. Aus dem einst glanzvollen Reich war im Dominat ein Beamten-und Polizeistaat mit massloser Korruption geworden. Das führte zum Ende des Reiches: innere Schwäche mangels Zustimmung der Beherrschten zur Herrschaft war den äusseren Belastungen nicht mehr gewachsen, denn "wenn ein Reich mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen "(Mk 3,24). Das eigentliche Ziel der Staatsreform war damit endgültig verfehlt.



d) Errungenschaften Roms

Der von geistigen Wesenheiten aussengeleitete Mensch, der heteronom lebte, erfuhr eine Umpolung nach innen. Er wurde zu Autonomie hingeführt.

Das begriffliche Denken wurde im Menschen geweckt mittels der Grenzlehre. Im Erlebnis von Grenzen wird ihm Distanz zum Gegenüber des Objektes und Gewahrwerden von Gestalt: im "Unterscheiden und Verbinden" wird Welt bewusst. Da erweist sich, dass der göttliche und der menschliche Daseinsbereich verschieden sind; sie trennen sich. Ausgliederung lässt den Lebensraum des Menschen zur Aussparung im Kosmos werden. Von da an waren Grenzziehung und Zurechnung dauernde Begleiter auf dem Erdenweg.

Lernt der Mensch sich als auctor, Ur-Heber, erkennen, so bildet sich in ihm Eigenbewusstsein, er macht die Erfahrung seines Ich. Dabei werden zuerst Religion und Recht menschlich. Im ius civile verwirklichte sich das Rechtssubjekt. Daneben waren weiterhin wirksam der mos maiorum und die vielfältigen Regelungen der öffentlichen Verhältnisse. Eine irdisch-menschliche Kultur war im Entstehen begriffen. Der starke Gemeinsinn des römischen Volkes erstrebte Ordnung und Gleichgewicht der sozialen Kräfte und verwirklichte sie im Staat. Teilhabe des ganzen Volkes erforderte eine besonnene Machtverteilung: der Staat wurde zum Kunstwerk des Gleichgewichtes. Er wurde zum eigentlichen Identitätsfaktor und stand darum immer im Mittelpunkt; den Wirtschaftsbereich nahm man kaum ins Bewusstsein. Die Verteilung der Aufgaben und Kompetenzen beschränkte sich auf den Bereich des Staatlichen.

Die Teilhabe der plebs am Staat führte zur Republik, - unter Führung des Adels im Senat. Die Überwindung der gentilizisichen Kräfte schaffte den Entfaltungsraum für die weiterführende Timokratie, die sich vor allem in der Nobilität manifestierte. Dank dem starken Traditionsbewusstsein blieb der Stadtstaat mit seinen altherkömmlichen Organen im Wesentlichen beharrlich derselbe. Sein immer deutlicheres Ungenügen versuchte man mit Behelfsmitteln über die Runden zu bringen.

Das Imperium Romanum war für die Völker ein Hoffnungsträger geworden; sie drängten ins Reich. Aber dieses vermochte die Zuzüger, die Sprachen und Religionen immer weniger zu integrieren. Die Überdehnung des Territoriums mit all‘ ihren Folgen schwächten das Staatsbewusstsein und die wirtschaftliche Produktivität. Das einseitig zivilistisch entwickelte Rechtsgefühl liess die Gemeinschaftsrechts-Ordnung verkümmern.

In Staat und Wirtschaft dominierte immer stärker eine Elite. Ein Graben zwischen Elite und Volk tat sich auf; das Kaisertum nahm sakrale Züge an; die Bürger waren apathisch und blieben passiv. Der Volkswohlstand begann zu sinken. Die gesellschaftlichen Kräfte waren überfordert.

Die Kaiser versuchten, die Lage zu meistern, indem sie die Staatsaufgaben ausdehnten und die Staatstätigkeit in ihren Händen konzentrierten. Ihre Interventionspolitik schwächte aber die lokale Selbstverwaltung, und das wiederum nötigte zum Ausbau in Richtung Beamten- und Polizeistaat. All' das ging auf Kosten der Bürgerfreiheit. In der Erscheinung des Patroziniums ereignete sich eigentliche Flucht vor der Freiheit. Verweigerungsmentalität kannte keine Akzeptanz des Staates mehr. An seiner inneren und ausseren Schwäche ging dieser zugrunde. Auch "Rom" ging an seinen Mängeln zugrunde. Zum Teil waren diese von Anfang an veranlagt. Die Wirtschaft war nicht als eigenständiger Aufgabenbereich erkannt; man überliess sie sich selbst: die Kleinbauern der Republik konnten die Verpflichtungen, die ihnen ihre Kriegspflicht auferlegten, nicht mehr tragen; sie gerieten in Schuldknechtschaft; die Latifundien konnten nur mit Sklaven arbeiten und wurden immer grösser; der Grundbesitz wurde immer mehr feudalisiert, und die Menschen abhängig. Von einer gleichmässigen Partizipation an Aufwand und Ertrag wusste man nichts. Der Staat zog vor allem die Aufmerksamkeit im Reich auf sich. So erhielt die Zentrale in Rom ihr Übergewicht gegenüber den Provinzen, und damit verschwand die Eigenverantwortung der Beherrschten für den öffentlichen Zustand. In diesem Prozess waren alle Verlierer. Es fehlten alle Voraussetzungen für die Tragsäulen einer gewillkürten Gemeinschaft: Personalität und Partizipation.

Am Ende seiner Geschichte war Westrom in einem Zustand angelangt, in dem das Verhältnis von Individuum und Staat fragwürdig war.



5. Christliche Botschaft


a) Der neue Bund

Seit Johannes dem Täufer gilt das Evangelium vom Reiche Gottes und jeder vermag durch innere Anstrengung zu ihm den Zugang zu finden (Lk 16,16) "Allen, die es aufnahmen, gab es die freie Kraft, Gotteskinder zu werden (Joh 1,12). "Ändert euren Sinn. Nahe herbeigekommen ist das Reich der Himmel" (Mt. 4,17). "Das Reich Gottes kommt nicht in äusserlich wahrnehmbarer Gestalt ....; das Reich Gottes ist inwendig in euch" (Lk 17,20f) und steht zur Verfügung des Glaubenden. Nun ist nicht mehr das Gesetz, sondern der Glaube "unser Erzieher, paidagogos", auf Christus hin (Gal.3,24). Die fundamentale Umpolung des Menschen von aussen nach innen hat nun eingesetzt und nun gilt: "reinige zuerst das Innere des Kelches" (Mt.23,26); "in ihre erkennende Einsicht will ich meine Gesetze legen, ..... dann werden mich alle kennen von den Kleinsten bis zum Grössten" (Hebr 8, 10f).

Als "die Zeit erfüllt" war (Mk 1,15) werden diese Worte in eine Welt hineingegeben, die noch nicht gelernt hatte, diskursiv zu denken. Um das zu erringen, mussten die seelisch-geistigen Fähigkeiten bewusst gemacht und ausgebildet werden: Glauben, Erkennen und Urteilen werden zentral, - "wir haben geglaubt und erkannt" (Joh 6,69)! Das zukünftige Gottesreich beginnt jetzt zu entstehen und braucht Platz zum Werden. Altes muss weichen. Trennung ist unerlässlich. Jesus trennt sich vom Gesetz, vom Tempelopfer, von irdischen Gütern und der Sinneswelt, von der irdisch-nationalen Messiaserwartung, von Rechtsvorstellungen der scheidenden Welt der Vergangenheit: "Meint ihr, ich sei gekommen, um auf Erden Frieden zu stiften? Nein, ich sage euch: Lauter Spaltung wird durch mich bewirkt" (Lk 12,51). Nur mittels Trennung und Verbindung entsteht eine neue Welt!

Unterschieden werden nun Sinn und Form; jener ist ewig, diese zeitlich. Darum heisst es: "Meine Aufgabe ist nicht aufzulösen, sondern zu erfüllen " (Mt 5,17). Der Sinn des Gesetzes bleibt durch die Zeitenkreise hindurch gültig; in wechselnden Daseinsweisen verwirklicht er sich je neu mit gleichbleibendem Zweck.



b) Unser Vater

"Ihr alle seid Brüder .... Ihr habt einen einzigen Vater, und der ist in den Himmeln" (Mt 23,8 f.). "Ihr werdet erkennen, dass ich im Vater bin und ihr in mir und ich in Euch" (Joh 14,20). Im Hohepriesterlichen Gebet bittet Jesus: ".... damit sie alle eine Einheit seien; so, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen sie in uns sein" (Joh 19,21). Eine Geisteinheit soll entstehen, die ihr physisches wie auch geistiges Leben aus Gott erhält: "Diejenigen, in denen der Geist Gottes als Lebensantrieb wirksam ist: Söhne Gottes sind sie" (Röm 8,14), "aus Gott geboren" (Röm 8,16). So lautet denn das Strebensziel: "Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist" (Mt 5,48). Gotteskindschaft als Auftrag und Ziel!



c) Aufgabe des Menschen

Von der Zeitenwende an bedurfte der Mensch eigenen Innenraumes, um Anteil am Neuen Bund zu haben. Dieser Innenraum musste gebildet werden: "Ändert euren Sinn. Nahe herbeigekommen ist das Reich der Himmel" (Mt 4,17). Denkt um und kehret um; Nachfolge beginnt im Innern des Menschen! Der Geist macht lebendig (Joh 6,63). "Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist" (Röm 12,2). Vollkommenheit ist anzustreben, téleios als ganzheitliches Ungeteiltsein, - so will es der "Vater" (Mt 5,48). "Der Glaube ist der Quell der wahren Zukunft" (Röm 4,16). "Wer in Christus ist – die neue Schöpfung beginnt in ihm" (2. Kor 5,17). "Der Geist der Wahrheit und Erkenntnis wird euer Führer sein auf dem Weg zu der umfassenden Wahrheit" (Joh 16,13). Einwohnung des Gottes-Geistes im Menscheninnern begnadet den Menschen mit einem höheren Ich-Inhalt, der den Keim zur Wandlung von Mensch und Erde darstellt.

Die Bestimmung des Menschen bedarf aller geistigen Fähigkeiten: Glaube, Denken und Wollen müssen zusammenwirken, um "Früchte zu tragen". Sehend, wach und wachsam (Mk 13, 33-37) muss jeder werden, der den "Weg" finden will; sein Denken und sein Verständnis müssen erwachen (Mk 8,17); er muss klar werden, was Gott und was Cäsar gehört (Mt 22,21); in "kleinen Rechtssachen" soll er sich zutrauen, selber eine Entscheidung zu finden (1. Kor 6,2); aufhören soll er, nach dem äusseren Schein zu urteilen, vielmehr den Dingen auf den Grund gehen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden (Joh 7,24), und "jeder möge von seinem Denken völlig überzeugt sein" (Röm 14,5). Und ein entschiedener Wille ist vonnöten: "bittet, suchet, klopfet an" (Mt 7,7); "alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen" (Mt 7,12), es gilt, nach dem Willen des Vaters in den Himmeln zu handeln (Mt 7,21). Im geistgeleiteten Tun allein kann der Mensch vom Nehmenden zum Gebenden werden.

Dabei soll jeder sein Leben so gestalten, wie es seinen Gaben und seiner Berufung durch Gott gemäss ist (1. Kor 7,17), hat doch "jeder seine individuelle Gabe von Gott erhalten" (1.Kor 7,7). Für ihren Einsatz wird er immer belohnt: "Mit dem gleichen Mass, womit ihr austeilt, soll euch zugemessen werden, und ihr sollt noch mehr hinzubekommen" (Mk 4,24). "Jeder einzelne trägt vor Gott die Verantwortung für sich selbst" (Röm 14,12). Unabhängig von seinem Stand ist jeder ein Kind Gottes und als solches ernstgenommen, von irdischen Bedingtheiten unabhängig. "Jedem einzelnen ist gegeben auf seine Weise das Wirken des Geistes offenbar zu machen" (1. Kor 12,7). In dieser seiner Möglichkeit liegt der göttliche Auftrag des Menschen.

Jeder Mensch lebt sein Leben individuell und konkret, also räumlich-zeitlich beschränkt. Durch die Verbindung mit seinesgleichen überhöht er seine Trennung und wird Teil eines Ganzen. In das Leben dieses Ganzen bringt er seine Begabung ein, stärkt damit die Gemeinschaft und wird von ihr ebenfalls gestärkt. So ergibt sich das Verhältnis von Leib und Gliedern (1. Kor 12,12), "den Gliedern wohnt die Vielheit, dem Leibe aber die Einheit inne" (1. Kor 12,20); "jedes Glied hat eine andere Funktion, doch als Vielheit sind wir doch in Christus ein Leib und auch untereinander sind wir Glieder, ein jeder das des andern" (Röm 12,5). "Im Leib gibt es keine Entzweiung; alle Glieder sind harmonisch im Zusammenwirken" (1. Kor 12,25), wenn "jeder nach dem Wille des andern strebt" (1. Kor 10,24). Nicht im "Turmbau" (zu Babel) wird die Problematik von Vielheit und Einheit gelöst, sondern im Pfingstgeschehen: Gemeinschaft lebt aus dem Geistigen, das Materielle zerstückelt und trennt. "Ordnet eure Gemeinschaft in der Einheit des Sinnes" (1. Kor 1,10).

Der göttliche Weltenplan führt auf dem Weg vom "Garten" zur "Stadt"; dem Menschen soll "zu eigen gegeben sein das Reich, das euch von der Weltschöpfung an zugedacht ist" (Mt 25,34); er soll Gottes Ebenbild werden (Mt 5,48), soll "immer grösseren Anteil gewinnen an der Natur des göttlichen Wesens (theia physis)" (2. Petr 1,4). "Der Gott aller Gnade hat euch in Christus zu Trägern seines ewigen Geisteslichtes berufen, ..... er wird euch zum Fundament der neuen Welt machen" (1. Petr 5,10). Die "heilige Stadt" senkt sich aus dem Bereich der Himmel zur Erde nieder; ihre Mauer trägt "das Mass des Menschen und zugleich das des Engels" (Off 21,17). Und "alle Geistesschätze und Seelenwerte der Völker wird man in diese Stadt tragen" (Off 21,26). Einlass findet nur der, "dessen Name im Buche des Lebens steht" (21,27). In der Stadt drinnen steht kein Tempel (21,22), aber "der Baum des Lebens" (Off 22,2), über den die Berufenen "Vollmacht" haben (22,14) und der sie ernährt. Die Versuchungen, denen Jesus "in der Wüste" widerstanden hatte, sind hier gegenstandslos geworden: das "Brot" und die "Macht über alle Reiche der Welt" sind Teil des neuen Lebens.



d) Urchristliche Gemeinde

Jesus ruft den Menschen zur Nachfolge und damit zur "Sinnesänderung": metánoia begründet wahres Leben. Seit Pfingsten lebt die Gemeinde unter der direkten Leitung des Heiligen Geistes. Die Gläubigen wussten sich als "Leib Christi", und jeder war zum Priestertum der Wandlung" berufen und "in alle Wahrheit" geleitet. Diese Gemeinde lebt "gesetzesfrei" und souverän in der Durchführung von Abendmahl und Gottesdienst, in der Stellungnahme zum Inhalt der Lehre sowie im Verhältnis zu den Gemeindeobliegenheiten. Pfingsten hatte ihnen Geisteinwohnung und Geistesausrüstung gebracht; die Gemeindeglieder empfanden sich "entheos", von Enthusiasmus erfüllt unter der unmittelbaren Leitung des Geistes. Der neue Bund hatte begonnen, wirksam zu werden.



6. Wege ins Irdisch – Zeitliche


a) Der Weg der Kirche

Der Weg ins Irdische war beschwerlich! Die Gemeinden wurden grösser, reicher und unübersichtlicher; sie standen in bedrängendem Wettbewerb mit anderen Religionen; Gnosis und Neuplatonismus wurden ihnen auch inhaltlich gefährlich. Als Staatskirche hatte man riesige Tempeldomänen zu verwalten. Die leitenden Funktionen in der frühen Kirche wurden naturgemäss von Nachkommen der alten Senatsaristokratie wahrgenommen. Führung und Straffung schienen Identität nach innen wie nach aussen zu verheissen.

Nach dem Aufhören der Christuserscheinungen erlebte man Offenbarung nur noch in der apostolischen Tradition; das dynamische Element in den Gemeinden fing an, störend zu werden; der urchristliche Enthusiasmus wurde als Unordnung empfunden. Aber man wollte Ordnung! So fiel schon bei Ignatius das harte Wort an die doch selber geistbegabten Gemeindeglieder: "Lernet, euch unterordnen!" Unterordnung schafft Ordnung. "Die Masse der Gläubigen muss einem einzelnnen gehorchen, damit sie einig bleiben kann!" In kleinen Schritten wurde eine Hierarchie aufgebaut. War der Bischof zuerst einer der Gemeindeältesten gewesen, so wurde er später der Leiter von Gottesdienst und Verwalter des Gemeindevermögens, später dann vicarius Christi in seinem Amtsbezirk. Aus den Gemeindefunktionen wurden Amtsbezirke, die den Synoden untergeordnet waren. Der Episkopat war endgültig monarchisch geworden. Im 4. Jahrhundert bürgerte sich die Proskynese ein. Der Papst hatte vordem die Stellung eines primus inter pares, bei Leo I. sieht er sich als höchsten Richter über die Christenheit, als höchsten Verwalter der Kirche, als Inhaber des höchsten Lehramtes; er spricht und schreibt im Hofstil des Kaisers und führt den altrömischen Titel eines pontifex maximus. Das 11. Jahrhundert brachte eine tiefgreifende Änderung der Kirchenverfassung: "ecclesia" meinte nun nicht mehr die Christenheit, sondern nur noch den Klerus. Der Papst begann, als Gegenstück der Kaiserkrone, die Tiara zu tragen und auch die Kontrolle des Staatlichen zu beanspruchen. Mit dem Papstwahldekret von Nikolaus II. 1059 wurde der Papst nicht mehr vom Volk, sondern durch die Kardinäle gewählt. Im Dictatus papae legte 1075 Gregor VII. die Grundsätze der päpstlichen Herrschaft fest und verbot die Investitur durch Laien. Die Absolutionsformel "Deus te absolvat" wurde im 12. Jahrhundert ersetzt durch "Ego te absolvo": damit war der Oberhirte vicarius Christi geworden, wer sich von ihm trennte, schied sich von Christus. Die Kirche verstand sich als Macht; sie steigerte unentwegt den römischen Primat und zerstörte die episkopal-synodalen Strukturen im Westen. Die Entfaltung der päpstlichen Autorität und die Klerikalisierung forderte die weltliche Macht zum Kampf. Im 13. Jahrhundert wurde die theokratische Auffassung mit der Bulle Unam sanctam durch Bonifazus VIII. zum Abschluss gebracht. die weltliche Gewalt sollte sich der geistlichen unterordnen. Papstum lenkte das kirchliche wie das weltliche Leben und forderte von allen Menschen Gehorsam, auch vom Kaiser. Gewaltentrennung hat man in Rom nie gekannt.

Das organisierende Zweckdenken auf dem Weg ins Irdische hatte das Wesen der Kirche verändert. Im Traditionsprinzip hatte sie seit dem 3. Jahrhundert eine Stütze gefunden: die apostolische Tradition war durch die bischöfliche Sukzession verbürgt, war älter und darum wahrer als neue Lehren; alles was nicht der Tradition entsprach, war Häresie. Der Bischof nur wusste, was Wahrheit war, kraft seines Amtes. Am Ende des 6. Jahrhundert wurden Dogma, Liturgie, Ethik und Organisation legalistisch verfestigt. Die Kirche war eine hierarchisch aufgestufte Institution geworden, durch die und in der allein die Menschen zu Gott geführt werden, "Extra ecclesiam nulla salus". Heilanstalt war sie geworden, die in den Sakramenten das Heil auf den Menschen übertrug; denn werden die Sakramente rite, nach rechtem Brauch vollzogen, dann wirken sie ex opere operato, durch blossen Vollzug, dann sind sie als reines Werkzeug das Fahrzeug der Gnade. Damit entsprach die Kirche der Geistesart der von ihr betreuten Völker! Den irdischen Obliegenheiten suchte sie in ihrer Rechtsverfassung und durch ihre Verwaltungsstruktur gerecht zu werden, waren doch auch zeitliche Güter verantwortlich zu verwalten. Verweltlichung und damit geistliche Missgriffe waren unvermeidlich: der Geistauftrag von Pfingsten ging – zeitweilig – in Vergessenheit. Das allgemeine "Priestertum aller Gläubiger" war aus dem Bewusstsein verschwunden.

Die Entwicklung dieser Kirche erregte immer wieder den Unwillen und die kämpferische Ablehnung von Andersgesinnten. Den iroschottischen Christen war die welterobernde unitarische Tendenz der Papstkirche ein Frevel; sie hielten auf Verinnerlichung und praktische Bewährung, nicht auf die Geltung von Formeln und Formen: Institution und Rechtsregel lehnten sie ab. Ihr Gemeinschaftsleben kam aus ohne Zentralismus und ohne Ordensregeln; ohne Dekrete "von oben" wirkten sie in selbstverwalteten Klöstern mit ausgeprägtem Sinn für den individuellen Weg in der Nachfolge Christi. Aber bis zum 12. Jahrhundert war diese Richtung von der Romkirche unterworfen, integriert und absorbiert. Immer wieder gab es Gründungen von Mönchsorden als Protest gegen den Weg der offiziellen Kirche und ihre Besitzergreifung dieser Welt: ein immer je neu versuchter Rückgriff auf die urchristliche Botschaft. Das äussere Ergebnis war immer dasselbe: "Rom" unterdrückte oder verschluckte die Reformbewegung; die Amtskirche verhinderte mit allen ihren Kräften die Durchbrechung des Traditionsprinzips, durch das sie abgeschirmt war vom "Geist, der lebendig macht" und das bloss der Besitzstandwahrung diente.

Einsichtige gab es aber auch innerhalb der Kirche: kurz nachdem Gregor VII. 1075 den Primat des Papstes verkündet hatte, lehrte Kardinal Yvo von Chartres, im Bischofsamt Zeitliches und Geistliches zu trennen. Und Papst Paschalis II schlug 1111 vor, die Bischöfe möchten auf ihre zeitlichen Güter verzichten, damit der Klerus wieder unabhängig würde. Beide Vorschläge hätten das Investiturproblem von der Wurzel her aus der Welt geschafft und damit den Völkern Europas viel Unheil erspart. Im 12. Jahrhundert standen sich bereits eine papale und eine konziliare Theorie gegenüber, und auf dem Höhepunkt päpstlicher Machtenfaltung unter Bonifaz VIII. machte sich der Episkopalismus geltend: ,man wollte alle Jurisdiktionsrechte dem Bischof zuweisen; der Papst wäre damit einem allgemeinen Konzil unterstellt gewesen. Grundsätzlicher aber hatte Kardinal Humbert im 11. Jahrhundert seine Kritik an der "verweltlichten" Kirche begründet: er fordert eine reine Geistkirche, befreit vom Heiligen Geist aus der Knechtschaft der "Welt"; er wendet sich gegen die Objektivität des rite vollzogenen Sakraments und der Weihen und löst dadurch die Verbindung von Geist und Natur.

Auch in der Laienwelt regte sich kräftig geistunmittelbares Leben. In allen sozialen Schichten des 11. Jahrhunderts traten subjektive Glaubenslehren auf, alle mit dem gleichen Ziel: Abwendung vom offiziellen Kultus, Hingabe an evangelisches Leben und Ablehnung der feudalen Kirche sowie der feudalen Gesellschaft. Häretiker und verfolgte Ketzer waren darunter, u.a. Joachim da Fiore und Arnold von Brescia. Auch die Mystik erschloss den Laien eine neue Nährquelle für seine Seele und sein Leben. Die Predigt gewann an Beliebtheit und Bedeutung. Die Kommunalbewegungen enthielten europaweit neben politischen auch religiöse Ziele. In immer mehr Menschen war der Anspruch erwacht, selber zu denken und zu handeln, gleichviel, in welchem Stand man lebte. Der Mensch beansprucht Partizipation der Mitbestimmung.

Bis zum Hochmittelalter hatten sich in der Ausformung der Kirche zwei antagonistische Kräfte gebildet: einerseits das Streben nach Integration mittels Einbindung in eine umfassende Organisation, anderseits der Anspruch auf individuellen Eigenstand in persönlicher Freiheit. Institution und Pneuma sind aufeinander bezogen, sind Gefäss und Inhalt.



b) Der Weg des Menschen

Während der ersten Hälfte des Mittelalters lebte der Mensch als Glied seiner Gemeinschaft, seiner Sippe und Familie und Ahnen. Auch Adlige waren Bestandteil ihres Geschlechtes; individuelle Züge fehlten, denn ihr Charakter war Wesenszug der Ahnenreihe. Geburt und Erbfolge verliehen ihnen ihre Würde, Bestimmung, Aufgabe und Privilegien. Im Leben der Menschen galt das Allgemeine und Wiederkehrende. Das Bewusstsein war erfüllt vom Allgemeingültigen allgemeiner Normen. Theozentrisch und theonom im Weltbild, blickte man nach "oben", und war dabei von seiner Gemeinschaft emotional und intellektuell abhängig. Der Ablauf eines Lebens war von aussen her bestimmt, vom sozialen Umfeld und von Institutionen. Der Einzelne war Glied eines umfassenden Sozialleibes und geborgen in gottgewollter Wort-und Gemeinschaftsordnung, darinnen jeder seinen ihm bestimmten Platz fand. Im Bewusstsein lebte man als Himmelsbürger.

In dieser Welt fing der Sauerteig christlicher Botschaft an zu wirken, als Augustinus erklärte: "Ich – nicht das Schicksal, nicht das Glück und nicht der Teufel", und als er mahnte: "Geh‘ nicht hinaus, in dich kehre zurück, und übersteige dich selbst!" Er forderte vom Lehrer, dass er seinen Schüler auf den "inwendigen Lehrer" hinzuweisen habe, damit der Heranwachsende unabhängig sein eigener Herr und Meister werde. Benedictus führte seine Ordensbrüder zur Lebensgesinnung des "ora et labora" und verpflichtete sie zur "stabilitas loci": "Geh‘ an die Arbeit und sei nicht traurig!" Im 8. Jahrhundert, Zeit traditioneller Typik und Anonymität, kam die Sitte der Signierung auf. In der Literatur das 10. Jahrhunderts zeigte sich ein gewisses Interesse an individuellen Zügen des menschlichen Charakters und am Äusseren einzelner Gestalten. Die Artusepik verlegte das Schicksal in das Menscheninnere, eine Umkehrung, die im 14. Jahrhundert Opicinus bewog, den Kosmos in den Menschen hineinzunehmen und die Seele des Individuums im Mittelpunkt der Welt zu sehen. Ende des 11. Jahrhunderts tauchten erste autobiographische Zeugnisse auf. Ein deutliches Zeitgefühl begann sich zu bilden und die Erfahrung, dass die Zeit Veränderungen mit sich bringt. Die Turmuhr gewöhnte die Bevölkerung daran, das Leben nach dem Zeitablauf auszurichten.

Das Bilddenken wurde vom Begriffsdenken verdrängt. Anselm von Canterbury hebt den Rang der Vernunft: "fides quaerens intellectum", Glaube sucht Vernunft, und "credo, ut intelligam", ich glaube, damit ich einsehe. Abaelard baut die Ethik auf Wahlfreiheit und Motivation des Menschen; Wille und sittliche Wahl entscheiden über den Wert seiner Taten; dem "usus", Brauch und Herkommen, stellt er sein "ingenium" gegenüber, also Begabung und Erfindungsgeist als innere Kräfte. Damit ist der Mensch als Subjekt entdeckt und sein Verhältnis zur Welt verändert: Roscellinus ist mit seinem Denken bei den Einzeldingen angelangt. Der Nominalismus verdrängte den (nie widerlegten) Realismus und vermittelte eine zerstückelte Welt; die Welt zerfiel in Innen- und Aussenwelt, in Ich und Nicht-Ich; Welt der Zweiheit bildete sich aus. Sichtbar wurde der Umschwung zugleich beim Menschen und bei den Lebensverhältnissen. Letztere wurden zunehmend komplex: Bevölkerungswachstum, Landesausbau, soziale Mobilität, Wirtschaftsentwicklung und Gelddenken, Transportwege und Kriege, Aufleben der Städte und zunehmende Zahl sozialer Gruppen, - die hierarchisch geordnete Welt geriet in Bewegung. Überall entstand Vielfalt des Lebens. Und die Erdenverhältnisse dienten der Ich-Gesinnung; denn Raumentdeckung und Ichbildung hängen zusammen, fördern sich gegenseitig, tagtäglich. Welt und Mensch wurden diesseitig. Emanzipation und Säkularisierung, als Lebenssaat im Irdischen, werden zum Schicksal der Menschen und ihrer Gemeinschaft.

In seinem Bewusstsein wurde der Mensch zum Erdenbürger. Die Gegenstandswelt und der Erdboden gewannen eine grössere, aber auch veränderte Bedeutung. Die Welt wird räumlich, sektorhaft und diesseitig. Ihre zunehmende Vielfältigkeit ermöglicht Innenbestimmung. Freiheitsraum bildet sich, für den Einzelnen und für die Gemeinschaft. Da stellt sich die Frage nach dem Begriff des Menschen und nach seiner Würde. Bei Scotus Erigena lag die Würde des Menschen darin, dass er den Geistesfunken, den ihm Gott verliehen hat, auch wirklich benützt. Dreihundert Jahre später lehrten Yvo von Chartres und Hugo von St. Victor die Wiederherstellung der Gottähnlichkeit im Menschen in der "Erforschung der Wahrheit und der Übung der Tugend", denn "in Gott aufsteigen, das heisst: in sein Ich einkehren ..... und auf unsichtbare Weise über sich hinauskommen". Am Ende des Mittelalters war bei Pico della Mirandola der Begriff des Menschen bestimmt: seine Würde liegt darin, dass er "als ein Werk unbestimmter Art keinen bestimmten Ort, kein eigenes Aussehen und keinen besonderen Vorzug verliehen" erhalten hat; er ist nicht festgelegt in der Welt, ist "weder himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich"; darum besteht seine Aufgabe darin, sein "eigener Bildner", plastes und fictor, zu werden und sich "in der selber gewählten Form aufzubauen und sich zu gestalten", als freier Bildner seiner selbst. Diese Gabe der Freiheit verwandelt den Menschen zu einem werdenden Wesen mit "Keimen eines allartigen Lebens" in sich. Damit ist er zu sich selbst gekommen und in die Pflicht genommen. Nunmehr zählt nicht sosehr die Orientierung an der Vergangenheit, sondern in erster Linie die Zukunft seines Erdenwirkens. Er soll zukunftsorientiert denken und leben.



c) Der Weg des Staates

Zur Zeit der Merowinger lebte der Mensch in der Einheit von Leib und Seele. Die Gemeinschaft war ein umfassender "Sozialleib", der sein Haupt im "Leib des Königs" hatte; die adeligen Höfe wirkten als leibliche Orte der Königsmacht, und die leiblich unterschiedenen Stände lebten als Teil dieses Lebensorganismus. Die Menschen gestalteten ihr Dasein aus einem Wir-Bewusstsein, damit eingebunden in eine Lebensordnung, die von "naturhaften" Kräften getragen und geregelt wurde, insbesondere von den Blutsmächten der Sippe. Das Rechtsleben beruhte nicht auf Gesinnung, sondern war Rechtsmagie; im Treueschwur wurde magische Bindung geschaffen, für den Herrn wie für den Vasallen. Untertanen kannte man nicht, nur Getreue. Allen Gliedern dieses Personenverbandes war "Herrschaft" selbstverständlich; denn "her" war Bezeichnung für "hoch, erhaben, würdig" und damit Angelegenheit des ganzen Herrschaftsverbandes. Anerkennung der "Beherrschten" war unumgänglich. Herrschaft über Freie bedingte deren Teilhabe daran, und diese setzte bei allen Herrschaftsträgern Eintracht und Erfolg voraus. Weisheitsvoll war so die Ausübung der Macht organisch auf die ganze Gemeinschaft verteilt.

Karl der Grosse sah sich als Werkzeug Gottes in seinem riesigen und uneinheitlichen Reich zum sakralen imperium mundi berufen. Sein letztes Ziel war die renovatio des weströmischen Kaiserreiches. Die kaiserlichen Insignien verraten seine rückwärtsgewandte Denkungsart. Aber eigentlich war er bloss "König der Franken", ohne "Staat", ohne Beamte und ohne Armee; ohne festen Residenzsitz zog er unentwegt in seinem Land herum, sprach Recht und führte unaufhörlich Kriege. Seine Feldzüge liessen die freien Bauern – "arme Freie" hiessen sie – wirtschaftlich untergehen. Der verhassten Wehrpflicht suchten Viele durch einen Eintritt in einen Mönchsorden oder durch Verzicht auf den Status der Freiheit zu entrinnen. Die reichen Familien musste Karl mittels Vergabe von Grundbesitz an sich binden; sie wurden Beauftragte der Zentralgewalt mit "staatlich" legitimierter Autorität und errangen das Monopol auf hohe Staatsämter bei ständig zunehmendem Grundbesitz, - bedrängt freilich von Emporkömmlingen, die sich in Funktionen drängten, die ausschliesslich dem Geburtsadel vorbehalten waren. Karl gedachte, seinem ungestalten Reich eine dienliche Form zu verschaffen: gewaltsame "Bekehrung" der Sachsen, Einbindung der vielen Stämme in sein Rechts- und Verwaltungssystem, umfassende Bildungsbestrebungen von "oben her". Aber das Volk wollte nicht; es hasste dieses Herrschaftssystem und suchte sich durch "Verschwörungen", also durch Einungen, zu stärken und zu wehren. In den Kapitularien ergingen immer wieder erneute Verbote und Sanktionsdrohungen, um die Schwurverbände und ihre Grundlage, das Geflecht mutualer Eide, auszurotten: Alles durchaus ohne sichtbaren Erfolg!

Nach dem Tode Karls löste sich das Reich rasch auf; der universale Reichsgedanke hatte nicht mehr die Kraft, die Menschen zu einen. Soziale Entwicklungen, Sonderinteressen der Stämme und Landschaften, Herrschaftsansprüche der Grossen im Lande, der Wandel im Feudalwesen mit seiner Verdinglichung des erblichen Lehens und anderes mehr führte in immer grössere Vielfalt hinein. Das Irdische begann wichtig zu werden; man fing an territorial zu denken. Die Lehensverfassung machte den Wandel mit: stand ursprünglich der Vasall in der Treueverpflichtung gegenüber seinem Lehensherrn und diente diesem "um" das Lehen mit Einsatz seiner ganzen Person, so kam es im 9./10. Jahrhundert zur Herausbildung eines eigenen Nutzungsrechtes an Grundbesitz, sodass der Vasall bloss noch "vom" Lehen diente, soweit dessen Ertrag reichte, d.h. "Der Vasall dient, weil er ein Lehen hat". Zudem wurde die Bindung an den Dienstherrn immer mehr gelockert; ein Vasall konnte mehrere Lehensherren haben, denen er nur ein bestimmtes Mass an Dienst und Treue schuldete. Die "Libri feudorum" befassten sich vorwiegend mit den Rechten des Vasallen am Lehen, weit weniger mit seinen Pflichten dem Herrn gegenüber: im 11. Jahrhundert wird Herrenschaft entsakralisiert und säkularisiert: spiritualia und temporalia werden im Laufe des Investiturstreites unterschieden; denn Kirche und Staat begehren, freien Raum für die eigenen Gestaltungsbedürfnisse zu kriegen. Städte beginnen, Freiheit zur Selbstverwaltung zu erkämpfen und erheben sich gegen ihren Stadtherrn, gegen Adel, feudalen Klerus und Stadträte. Im 12. Jahrhundert kommt es zu einer eigentlichen Kommunalbewegung; denn das Volk will Selbstbestimmung der eigenen Lebensgemeinschaft: Zugleich wird staatliche Souveränität nicht mehr geistlich, sondern territorial legitimiert. Die curia regis wird umgestaltet zum Regierungs- und Justizorgan in der Hand des Herrschers: ihre Mitglieder werden von Fürsten ausgewählt und sind ihm Gehorsam schuldig. Überall wird um Entscheidungskompetenzen gestritten. Staat und Kommune bilden sich zu polaren Kräften aus. Der Antagonismus von "oben" und "unten" wird konstitutiv für den Werdegang Europas.



7. Das 13. Jahrhundert: Höhepunkt und Krisis

Der frohgemute Aufschwung des Kulturlebens seit dem 11. Jahrhundert hatte alle gesellschaftlichen Kräfte erfasst und erreichte in der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Die Feudalordnung war im Verfallen begriffen und mit ihr der Adel, der nun seiner Aufgabe der Friedenssicherung nicht mehr gerecht werden konnte. Der Nominalismus hatte die Wanderung zur Gegenstandswelt gebracht und in eine zerstückelte Welt geführt, in "Arglist der Zeit". Das Rechtsleben wird gewillkürt; neue Rechtsquellen treten auf; Gerichtsbarkeit erweist sich als öffentliche Aufgabe und wird territorial. Die Arbeit wird als sozialer Eigenwert erfahren. In den aufstrebenden Städten wird der politische vom privaten Lebensbereich unterschieden und der letztere durch "Freiheitsrechte" geschützt. Überall treten Trennungen auf und verändern den Gehalt des Gemeinschaftslebens: Natur und Übernatur, Mensch und Gott, Ratio und Geistwelt, Kirche und Staat, Laie und Priester, Herrschaft und Genossenschaft, Adel und Volk. Eine Welt der Zweiheiten formiert sich. An der Pariser Universität verkündet 1210 eine neue Geistlehre: Der Heilige Geist inkarniert sich täglich in uns, um sein Kommen und sein Reich vorzubereiten. Der Mensch entdeckt die Welt seines Innern; Denken und Wollen werden wichtig für die Gestaltung des Lebens. Zugleich aber greift er auch ins Irdische hinein, wo sich ihm in der grösser werdenden Vielfalt des Zuhandenen neue Freiheitsräume auftun. So ereignet sich Säkularisierung, als Lebenssaat im Irdischen, sowohl oben als auch unten auf der gesellschaftlichen Stufenleiter.

Das Papsttum hatte mit Innocenz III. und Bonifatius VIII. den Höhepunkt seiner äusseren Macht erklommen; die Freiheit der Kirche vom Staat war anerkannt, aber trotzdem wurde die oberste Entscheidungskompetenz auch im weltlichen Bereich beansprucht. Die geistlichen Gerichte genossen seit dem Mainzer Reichslandfrieden von 1235 eine vorher unbekannte umfassende Zuständigkeit dank dem uneingeschränkten privilegium fori des Klerus, sodass die bischöflichen Offizialatgerichte auch über Laien in bestimmten Zivilsachen urteilten. Die weltlichen Gerichte hatten ihnen nach der "Zweischwerterlehre" Rechtshilfe zu leisten. Ihre Machtstellungen aber missbrauchte die Kirche vielfach: sie verhängte geistliche Strafen auch über Steuerschuldner und politische Gegner. Das 4. Laterankonzil 1215 machte die Bestrafung der "Ketzer" den weltlichen Behörden zur Pflicht. Zur Bekämpfung der Ketzer wurde 1229 die Universität von Toulouse gegründet, wo es dann 1242 zu einem Massaker an den Inquisitoren kam. Seit 1252 wurde die Inquisition mit der Folter durchgeführt, zu oft für weltliche Zwecke angewendet und missbraucht; sie wurde zum Mittel, um das Christentum auf römische religio zu reduzieren. Gegen heftige Widerstände gelang es der Kirche, das Land äusserlich zu befrieden; aber am Ende des Jahrhunderts klagten die Chronisten: "Überall gibt es Ketzer!" Und aus der Welt der Ketzer stieg hervor die franziskanische Bewegung: da wurde nun die Herrschaftsordnung der alten Welt von "unten" her erstmalig durchbrochen. In Europa breitete sich ein allgemeiner Antiklerikalismus aus. Die missglückten Kreuzzüge wurden als Gottesgericht über die Kirche verstanden. Die Stedinger – ein Bauernvolk auf Kolonialland (!) – zahlten ihrem Erzbischof den üblichen Zehnten nicht und besiegten 1229 sein Heer. Daraufhin erklärte 1230 eine Synode in Bremen die Stedinger zu Ketzern, weil sie "die Herrschaftsmacht der Kirche und ihre Sakramente verachten, die Lehre der Kirche geringschätzen, Klöster und Kirchen durch Raub und Brand verwüsten .... usw ...." (so die stereotype Argumentation gegenüber allen Bauernaufständen in Europa, die "Eidgenossen" inbegriffen!). Im Oktober 1232 rief Gregor IX. zum Kreuzzug gegen die Stedinger auf, die im Mai 1234 in einer Schlacht mit aller Grausamkeit von Bürger- und Revolutionskriegen vernichtet wurden. Der Vorgang war symptomatisch für die damalige Zeitsituation: niemand war mit dieser Kirche zufrieden, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen! Die Laien werden selbständig und wollen ihre priesterlichen Funktionen in Haus, Sippe und Dorf selbständig ausüben und "brauchen" deshalb keinen fremden Priester, nicht nur häretische Gruppen, auch Bettelorden widmen sich der Laienseelsorge. Das 4. Laterankonzil unter Innozenz III. versucht, eine "pastorale Wende" herbeizuführen und gibt der Wortverkündigung einen vorher unbekannten Stellenwert. Aber der Impuls zündet nicht! Die Kirche bleibt gefangen in ihrer Tradition und verfügt in der Synode von Toulouse 1229: "Die Laien dürfen die Bücher des Alten und Neuen Testament nicht besitzen; nur das Psalterium und Brevier dürfen sie haben, und auch diese Bücher nicht in Übersetzungen in die Landessprache". Der Klerus will sein Monopol der "Verkündigung" beibehalten. Das Schwergewicht in der Kirchenpraxis wie im kanonischen Rechtswesen bleibt im Formalen stecken. Da findet "allgemeines Priestertum aller Gläubiger" keinen Raum. Das "Zeitalter des Geistes", das Joachim de Fiore im vorhergehenden Jahrhundert verkündet hatte, das weltliche und kirchliche Missstände überwinden würde, sein Zeit ist noch nicht gekommen. So stellt sich Laienbildung neben Klerikerbildung!

Im staatlichen Bereich zeigt sich deutlich das Keimen einer neuen Ordnung: alte Geschlechter sterben aus; das Rittertum kommt durch die entstehende Geldwirtschaft in Bedrängnis und kann seine angestammte Aufgabe der Friedenssicherung nicht mehr erfüllen; die Landesfürsten werden selbst- und machtbewusst und denken territorial. Im Interregnum blockiert sich das System selber; "die kaiserlose, die schreckliche Zeit" lebt in einem Vakuum. Die Reichsidee ist kraftlos; im Territorialstaat formiert sich öffentliche Gewalt neu. Das Adjektiv "her" erhält eine neue Bedeutung: "herscap" bezeichnet nunmehr Herrenstellung, Herrschaft über Menschen und Gebiete. Der Begriff und der Name "Staat" stellt sich ein. Pioniere auf diesem Weg sind Philipp II., Friedrich II., Philipp IV.: sie planen und konstruieren den zentralgesteuerten Gebietsstaat, der sich seiner Beamtenorganisation und seinem Polizeiwesen mit Spitzelorganisation zu bedienen weiss. Ihr Vorbild ist das römische Kaiserreich, sein Recht und seine Verwaltungsordnung. Die Juristen spielen eine überragende Rolle und damit die Bedeutung des Rechtsdenkens. All' das dient der Verwirklichung des fürstlichen Willens; aber dieser zielt nun eben nicht mehr auf das "Reich", sondern partikular auf die eigene Familie und will Vermehrung der Hausmacht. Eignete dem "Reich" einst eine Machtverteilung, die sich organisch über den ganzen Gemeinschaftskörper ausdehnte, so ist jetzt die Entscheidungsmacht ganz oben in der Spitze der Hierarchie zentriert. Dort hält man dafür, diese Sicht entspreche der göttlichen Weltordnung, und beschimpft und vernichtet die Stedinger 1234 (neben vielen, unzählbaren andern) als gottlose "Rebellen" und Ketzer. Da finden sich jeweils Kirche und Staat immer wieder zur Zusammenarbeit, um gemeinsame Sache zu machen. "Kaiser und Papst sind beide von Rom!" Das Streben nach Machtmonopol macht beide zu Komplizen; beide stossen sich an Kräften alter Volkskultur, die sich gegen den immer grösser werdenden herrschaftlichen Druck wehren und ihrerseits nach Selbstverwaltung ausgreifen. Wie schon durch Karl den Grossen und Friedrich Barbarossa, werden auch jetzt wieder "Verschwörungen", also Schwurgenossenschaften mit mutualem Eid, verboten und unterdrückt, durch Friedrich II. und Heinrich VII.

Die zweite Hälfte des Jahrhunderts erfuhr das Ende des gesellschaftlichen Aufschwungs, der im 11. Jahrhundert eingesetzt hatte, Die Universalmächte und Landesfürsten blockierten sich gegenseitig: das Interregnum bedeutete politisch, rechtlich und wirtschaftlich ein Vakuum. Ein kleines, aber zielstrebiges Geschlecht auf der Habichtsburg im Aargau war nach dem Aussterben der Zähringer-Herzöge, 1218, bereits das wichtigste Fürstengeschlecht in Süddeutschland geworden. Es nützte die Chance der Zeit zur Neugestaltung in seinem Sinne und baute sich eine eigene Hausmacht auf durch Macht-und Matrimonialpolitik, als Schüler und Freund der römischen Kirche. Auf seinem Fürstenhut trug "Habsburg" die Pfauenfeder, uraltes Symbol göttlich eingesetzter Weltherrschaft. Auch "Gessler" trug den Pfauenhut zur Schau. Die Habsburger wurden gross mit dem nachhaltigen Aufbau einer engmaschigen Verwaltungsorganisation. Seine Vögte, "die ouch gern gross herren wären gesin", sie entsprechen der Zeitanforderung, machen sich aber gründlich verhasst und fordern bei Untertanen Widerstand heraus. Der Vogt ist de jure der "Herr" als rechtmässiger Repräsentant der Reichsgewalt, de facto aber ein Usurpator mit persönlichen Machtambitionen, der den Lebensalltag des Volkes massgeblich bestimmt und verformt.



8. Zwischenbilanz

Die Freilassung des Menschen aus naturhaften Lebensbindungen des Sozialleibes und aus dem ihm entsprechenden Wir-Bewusstsein führte ihn zur Entdeckung der eigenen Innenwelt und der Aussenwelt. Individualisierung und Säkularisierung als Lebenssaat im Irdisch-Zeitlichen waren Aspekte desselben Vorganges, der zur Erdenbürgerschaft hinführte. Emanzipation vermehrte die Vielfalt der Welt und eröffnete ungeahnte Freiheitsbereiche. Die Bedeutung von Zukunft wurde bewusst. Das spirituell-universale "Reich" verblasste; ein "Reich des Menschen" begann sich zu bilden, eine Aufgabe für alle gesellschaftlichen Gruppen.

Die Kirche grenzte sich als Klerikerorganisation von ihrer Umwelt ab und damit grenzte sie weltliche Herrscher und Volk aus, beanspruchte aber gleichzeitig die geistige Führung über das Leben in der Welt. So kam sie in ein unklares Verhältnis zum Staat wie zum Volk. Von den Laien forderte sie unbedingte Unterordnung in Leben und Glauben, also im Denken und bediente sich dazu ihrer geistlichen Gerichtsbarkeit sowie ihrer Inquisitionstribunale; damit versuchte sie, ihren Monopolanspruch immer mehr auszudehnen und durchzusetzen. Sie bedurfte der Hilfe durch den Staat und instrumentalisierte ihn für ihre Zwecke – und er machte willig mit! Die materielle Grundlage für ihr Wirken baute sie unentwegt weiter aus; ihr Riesenvermögen war eine weitere Quelle für Verstrickungen in weltliche Zwecke. Der Geistauftrag erstickte in dieser Verweltlichung! Diese bewirkte allgemeinen Antiklerialismus; Laie und Kleriker lebten in zwei Welten.

Der Staat im heutigen Sinne formierte sich im 13. Jahrhundert territorial als apparative Zweckorganisation und Instrument in der Hand eines Herrschers. Darin lag seine Stärke: er konnte immerhin besser für Frieden und Recht sorgen, als der Adel; seine Rechtfertigung erhielt er durch das Lösen von öffentlichen Aufgaben. Aber das Machtmonopol bedeutete auch eine Schwäche: es verleitete den Herrscher, den Staat für eigene Zwecke einzuspannen und zu missbrauchen. Auch unter Gutgläubigen waren öffentliche Interessen und Herrschaftsabsichten zu oft kaum zu unterscheiden. Und das teilweise Zusammenarbeiten mit der Papstkirche schadete auch dem Ruf des Staates. Die unheilige Komplizenschaft brachte beide in Konflikte mit dem Volk.

Habsburg nahm auf der Habichtsburg im Aargau seinen Weg unter die Füsse und entwickelte sich in Europa dank seiner klugen Macht-und Matrimonialpolitik zum ersten und mächtigsten der deutschen Territorialstaaten. Gegen die partikulare Politik der Kurfürsten gelang es ihm, eine dynastische Erbfolge durchzusetzen: es wollte und vergrösserte unentwegt seine Hausmacht. Seine Verwaltungsorganisation wurde den Untertanen beschwerlich durch den Funktionsträger "Vogt"; denn auch bei ihm zeigte sich, wie bei seinem Herrn, die Verbindung von legitimem Handeln und anmassender Selbstherrlichkeit.

Das Volk suchte sein Leben selber zu gestalten; es begehrte ein System menschlicher Ordnung und fand es im genossenschaftlichen Gemeindeprinzip; denn da gab es Zustimmung, Gegenseitigkeit, Teilhabe. Die Vielfalt der Lebensverhältnisse und eigenständiger Menschen verlangte nach Selbstverwaltung und diese wiederum gedieh nur auf dem Boden der Einigung durch Sammlung. Darin lag die Ablehnung und Überwindung der Herrschaftsordnung einer alten Welt, wie sie in den Verfassungen von Papstkirche und Staat weiterlebte. Ihre Überwindung erforderte in Europa viele Opfer, wurde immer wieder neu geleistet, gelang aber – bis auf die eine Ausnahme – nirgends dauerhaft. Die Polarität von Herrschaft und Bund wurde zum europäischen Dauerproblem, und blieb es bis heute: eine Einheit in der Vielfalt der Gesamtheit zu verwirklichen.

Nach der geistigen Vorarbeit im 11./12. Jahrhundert waren am Ende des 13. Jahrhundert die Positionen für den europäischen Bürgerkrieg bezogen.



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